
Ein Gastbeitrag von Karl Lauschke
Wer kennt nicht das Fritz-Henßler-Haus in der Innenstadt oder das gleichnamige Berufskolleg ganz in der Nähe? Aber wer war Fritz Henßler? Fritz Henßler war Sozialdemokrat. Am 29. Oktober 1946 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Oberbürgermeister von Dortmund. Er blieb es bis zu seinem Tod am 4. Dezember 1953. In den ersten Nachkriegsjahren trieb er den wirtschaftlichen Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Stadt voran und gab dem demokratischen Neuanfang nach Unterdrückung und Gleichschaltung durch die NS-Diktatur Richtung und Halt. Dafür war er wie gemacht: Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik hatte er in Dortmund umfassende kommunalpolitische Erfahrung gesammelt. Als Verfolgter und KZ-Häftling galt er politisch als unbelastet.
Der Schriftsetzer und Buchdrucker wird Sozialdemokrat und Journalist
Geboren am 12. April 1886, also vor nunmehr 140 Jahren, in dem kleinen schwäbischen Städtchen Altensteig, lernte Fritz Henßler ab 1900 nach der Volksschule das Handwerk des Schriftsetzers und Buchdruckers – ein Beruf, aus dem viele führende Sozialdemokraten hervorgingen. Eine höhere Schule blieb ihm verwehrt, die Eltern konnten das Schulgeld nicht zahlen.

Schon in der Lehre wehrte er sich gegen soziale Missstände. Folgerichtig trat er am 1. Mai 1905, nach der Gesellenprüfung, der SPD bei und dem Deutschen Metallarbeiterverband. Weniger Programme beeindruckten ihn, mehr Persönlichkeiten wie das SPD-Urgestein August Bebel, die konsequent und glaubwürdig für die Interessen der Arbeiterschaft eintraten. Wie damals für Handwerker üblich, ging Henßler auf Wanderschaft. 1907 kam er nach Münster – und half mit seiner Parteiarbeit, die junge örtliche sozialdemokratische Organisation sichtbar zu machen und voranzubringen.
Als „Agitator“ kriminalisiert und auf „schwarze Listen“ gesetzt, wechselte er 1910 nach Dortmund, eine Hochburg der Sozialdemokratie, die bei Wahlen die meisten Stimmen holte. Trotz des Drei-Klassen-Wahlrechts, das Fabrikbesitzer, Werksdirektoren und wohlhabende Bürger bei Gemeindewahlen begünstigte, schaffte die SPD 1909 den Einzug ins Stadtparlament.
Henßler arbeitete zunächst als Schriftsetzer in einer Druckerei, 1911 berief man ihn in die Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“, ein im gesamten Ruhrrevier verbreitetes Blatt, für das er zuvor schon geschrieben hatte. Er bildete sich autodidaktisch weiter, las Marx, Engels, Kautsky und Bernstein, dazu Geschichtswerke und Literatur – Schiller, Heine, Freiligrath. Wegen Majestätsbeleidigung, Anstiftung zum Aufruhr und ähnlicher Delikte zogen die Behörden Artikel der „Arbeiter-Zeitung“ oft vor Gericht. Weil Henßler Junggeselle war, musste er immer wieder als „Sitzredakteur“ die Haftstrafe absitzen. Im Ersten Weltkrieg leitete er die Zeitung zeitweise, bevor er zum Militär kam; die Zensur griff hart durch, zeitweise wurde das Blatt verboten.
Fritz Henßler – ein führender Dortmunder Kommunalpolitiker in der Weimarer Republik

Nach der Rückkehr aus dem Krieg arbeitete er wieder für die „Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung“, wie das Blatt nun hieß. Als redaktioneller Leiter nahm er an den Sitzungen der Dortmunder SPD-Fraktion teil. In seinen Artikeln schilderte er die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen und die kommunalpolitischen Probleme der Stadt. Als sachkundiger Bürger in mehreren städtischen Kommissionen bekämpfte er Wucher und half, drängende Ernährungsprobleme zu lösen.
So wollte er radikalen Kräften den Boden entziehen und die schwache Demokratie stärken. Er wandte sich entschieden gegen die Putsche reaktionärer Freikorps – und ebenso gegen die Politik der Kommunisten. 1920 wurde er Vorsitzender des SPD-Bezirks Westliches Westfalen. 1924, als die SPD nach der Inflation an Zustimmung verlor, wählten ihn die Dortmunder zum Stadtverordneten. Ein Jahr später, im Zeichen wirtschaftlicher Beruhigung, rückte er zum Stadtverordnetenvorsteher auf. 1927 heiratete er seine Freundin Ella Richter, 18 Jahre jünger, die er in der Partei kennengelernt hatte.
Neben weiteren Ämtern – Mitglied des westfälischen Provinziallandtags und im Vorstand des Westdeutschen Städtetags – wurde Fritz Henßler 1930 in den Deutschen Reichstag gewählt. Dort kämpfte er für die Gemeinden, die unter der restriktiven Finanzpolitik der Reichsregierung litten.
Vor den harten Sparmaßnahmen der Krisenjahre warnte er: Sie würden schwere soziale und politische Folgen haben. Die Wahlerfolge der Kommunisten und vor allem der Nationalsozialisten gaben ihm recht. Bis zuletzt engagierte er sich für die Weimarer Republik. Die Machtübernahme Ende Januar 1933 und die Errichtung der Diktatur machten all dies zunichte.
Unterm Hakenkreuz: Verhaftung, Widerstand und KZ-Lagerhaft

Mit anderen SPD-Genossen nahmen die Nationalsozialisten Fritz Henßler im März 1933 in „Schutzhaft“ und steckten ihn in die Steinwache. Zwar kam er zunächst frei, doch spätestens nach dem Verbot der SPD im Juni 1933 musste er jederzeit mit erneuter Verhaftung rechnen. Seine anfängliche Meinung angesichts der massiven Gewalt, Widerstand könne sich „nur in den Köpfen abspielen“, revidierte er.
Er hielt die Verbindung zu Parteifreunden aufrecht und knüpfte Kontakte zu verschiedenen Widerstandskreisen. Die Leihbücherei, die seine Frau in der Deutsch-Luxemburger Straße in Hombruch betrieb, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, diente als Anlaufstelle. Wegen der Überwachung, der er als Bekannter ausgesetzt war, musste Henßler vorsichtig agieren. Im April 1936 verhafteten ihn die Nazis dennoch. In brutalen Verhören hatten sie verhafteten Widerstandskämpfern Informationen abgepresst und so den Kreis um ihn aufgedeckt.
Im Mai 1937 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Hamm zu einem Jahr Gefängnis; im Juni brachten sie ihn ins KZ Sachsenhausen. Acht Jahre überstand er dort die Schikanen der SS-Schergen. Er überlebte dank der Hilfe mancher Mithäftlinge.
Fritz Henßler wird in der Nachkriegszeit zum Architekten des Dortmunder Wiederaufbaus

Im Juni 1945 kehrte der 59-jährige Fritz Henßler nach Dortmund zurück – körperlich geschwächt, politisch ungebrochen. Er baute sofort die SPD und die Gewerkschaften mit auf. Die Führungsrolle, die er bis 1933 innehatte, fiel ihm unangefochten wieder zu. Die SPD gewann die ersten Wahlen; folgerichtig wählten ihn die Stadtverordneten zum Oberbürgermeister.
In diesem Amt wandte er sich gegen die Demontage der Industrieanlagen, um die wirtschaftliche Zukunft zu sichern, und trieb die Lösung der Ernährungs- und Wohnungsnot voran. Seine vielen Ämter zeigen seine Wirkung über die Stadtgrenzen hinaus: Er war Mitglied des Parteivorstands der SPD, ab 1946 auch Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, wo er sich mit dem späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer harte Wortgefechte lieferte; ab 1949 gehörte er zudem dem ersten Deutschen Bundestag an und saß im Fraktionsvorstand. Als Fritz Henßler am 4. Dezember 1953 starb, waren die Weichen für den Wiederaufbau Dortmunds gestellt.

Der Autor:
Dr. Karl Lauschke ist habilitierter Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Geschichte des Ruhrgebiets sowie der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Ehrenamtlich engagiert er sich im Vorstand des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark sowie als Vorsitzender des Trägervereins „Freunde des Hoesch-Museums“.
Mehr zum Thema auf nordstadtblogger.de:
Vor 70 Jahren starb Fritz Henßler in Dortmund – Nordstadtblogger
