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Mikrobakterielle Spurensuche: Haben Legionellen aus einer Kühlanlage in Aplerbeck mehrere Krankheitsfälle verursacht?

Neben den Aufgaben, die im Zuge der Corona-Pandemie gestemmt werden müssen, begibt sich das Gesundheitsamt jetzt auch noch auf mikrobakterielle Spurensuche aufgrund von Legionellenerkrankungen. Foto: Alex Völkel

Im Februar wurde der Unteren Umweltschutzbehörde für die Städte Bochum, Dortmund und Hagen eine hohe Legionellenkonzentration aus einer Anlage in Aplerbeck gemeldet. Die Anlage hat seitdem den Betrieb eingestellt. Fast zeitgleich erhielt das Gesundheitsamt Dortmund aus einem benachbarten Krankenhaus Meldung über vier akute Fälle von schwerer Lungenentzündung (Legionellose). Alle Patient*innen wohnen im Umkreis des betreffenden Verdunstungskühlwerks. Insgesamt könnten nach Recherchen des Gesundheitsamtes neun Krankheitsfälle auf die Betriebsstörung zurückzuführen sein. Gewissheit hierüber habe man aber erst nach einer weiteren Feintypisierung der Legionellen. In rund zehn Tagen sollen die Ergebnisse der hierfür benötigten mikrobiologischen Untersuchungen vorliegen.

Seitdem das Kühlwerk abgeschaltet ist, gab es keine weiteren Krankheitsfälle mehr

Dr. Frank Renken, Leiter Gesundheitsamt Dortmund

Dr. Frank Renken ist Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes. Foto: Klaus Hartmann

Die erste gute Nachricht ist, dass seit Abschalten des Kühlwerks keine weiteren Krankheitsausbrüche bekannt geworden sind. Die von den Legionellen hervorgerufenen Symptome können vom leichten Schnupfen bis hin zur tödlich verlaufenden Lungenentzündung reichen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich, versichert der Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, Dr. Frank Renken.

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Die Gefahr der Übertragung lauere in diesem Fall in den Wasserleitungen oder Sprinkleranlagen. In großen technischen, industriellen Anlagen entstehen während des Kühlbetriebes von Prozessgeräten sogenannte Aerosole, die als Abluft in die Atmosphäre geraten. Unter besonderen Umweltbedingungen können diese sich über mehrere Kilometer verbreiten. Sie dienen den Legionellen quasi als Transporter.

Kommen Menschen in Kontakt mit einer solchen Aerosolwolke, besteht die Gefahr sich mit Legionellen zu infizieren. Renken verweist diesbezüglich auf einen Legionellenausbruch in Warstein im Jahre 2013, bei dem zwei Menschen ums Leben gekommen waren und der auf Aerosolemissionen aus Kühlanlagen zurückzuführen war. Seitdem habe sich viel getan, man sei besser aufgestellt. Dies sei schon daran erkenntlich, dass die Untere Umweltschutzbehörde als Aufsichtsbehörde mit am Tisch sitze.

Vergleich von Kühlwasseranalyse und Lungenwasserproben der Patient*innen

Seit 2013 gebe es eine regelmäßige Überprüfung in Frage kommender Anlagen in der gesamten Bundesrepublik. Die Betreiber*innen würden seitdem einer Registrierungs- und Mitteilungspflicht unterliegen und würden regelmäßig Kühlwasserproben nehmen. Es seien zulässige Maximalwerte für die Legionellenkonzentration des Wassers definiert worden. „Wenn diese zu hoch ausfallen, ist der Betreiber verpflichtet, Meldung bei den zuständigen Behörden zu machen und innerhalb von vier Wochen eine Nachbeprobung zu veranlassen“, so der Leiter der Unteren Umweltschutzbehörde, Heinz-Jörg Gimpel.

Nachdem das Verdunstungskühlwerk in Aplerbeck bereits im Januar 2020 zu hohe Belastungswerte gemessen hatte, seien vom Betreiber zunächst die richtigen Schritte eingeleitet worden. Die Nachbeprobung erfolgte am 12. Februar mit dem Ergebnis, dass die Werte noch schlechter ausfielen als im Januar. Die Werte überstiegen die zulässigen Mengen um mehr als das Zehnfache, so Gimpel weiter.

Freiwillig habe der Betreiber die Anlage umgehend stillgelegt. Vertreter*innen von Gesundheitsamt und Umweltschutzbehörde besuchten das Kühlwerk, um die Ursachen für den erhöhten Befall zu ergründen. Die Ermittlungen dauern weiter an. Um nachzuweisen, ob die bisher bekannten Krankheitsfälle durch die Verunreinigung der Industrieanlage hervorgerufen wurden, hat man Lungenwasserproben von den Patient*innen genommen, die nun in einem Institut in Dresden ausgewertet werden sollen.

Komplexe Spurensuche – erste Ergebnisse in rund zehn Tagen zu erwarten

(v.l.:) Dr. Frank Renken, Heinz-Jörg Gimpel (Leiter der Unteren Umweltschutzbehörde für die Städte Bochum, Dortmund und Hagen) und Rebecca Winkelmann (Technische Sachbearbeiterin in der Unteren Umweltschutzbehörde)

Im Vergleich mit den Kühlwasserproben kann so ermittelt werden, ob die mikrobakterielle Verunreinigung auf demselben Stamm basiert. Dennoch sei es schwer, eine direkte, auch vor dem Gesetz bestehende Kausalkette der Infizierungen herzustellen. Da es im Umfeld anderer Anlagen keine Auffälligkeiten gegeben habe, könne man jedoch von einer hohen Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass die Kühlanlage in Aplerbeck verantwortlich zu machen sei. Die Feintypisierungen der unterschiedlichen Proben müssten eindeutig auf ein und denselben Stamm zurückzuführen sein, um hier Gewissheit zu erlangen.

Das komplizierte Analyseverfahren benötige jedoch noch Zeit. „Es ist nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Denn wenn die Anlage kontaminiert ist, finden sich höchstwahrscheinlich unzählige verschiedene Legionellen, eine Flora bestehend aus einem Legionellengemisch“, so Frank Renken weiter. Es könne durchaus sein, dass man auch nach den Untersuchungen nicht eindeutig Ross und Reiter benennen könnte. Auch damals in Warstein habe man keinen direkten Verursacher analysieren können. Die Inkubationszeit bei Krankheitssymptomen liege, laut Frank Renken, bei rund zehn Tagen. Das Ansteckungsrisiko bei Null. 

Eine Wiederinbetriebnahme der Kühlanlage in Aplerbeck wird erst nach Grundreinigung und Desinfektion der Anlage und der Vorlage unbedenklicher Untersuchungsergebnisse erlaubt.

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