
von Horst Delkus
Am 8. Januar 2026 jährte sich der Geburtstag von Walter Dirks zum 125. Mal. Er wurde 1901 in Hörde geboren und einer der wichtigsten Publizisten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Einer, der sein Leben lang gegen den Strom schwamm. Und dabei nicht verzagte, obwohl seine Utopien als „christlicher Sozialist“, der nach 1945 die hessische CDU mitgründete, nie eine Chance hatten, verwirklicht zu werden. Der Journalist und Publizist erhielt 1981 den Ehrenring der Stadt Dortmund „wegen seiner besonderen Verdienste um die Stadt Dortmund“, 1986 die Ehrenbürgerschaft. Die Stadtsparkasse Dortmund unterstützte Ende der 1980er Jahre die Herausgabe seiner achtbändigen „Gesammelten Schriften“ im Schweizer Ammann-Verlag mit einem Druckkostenzuschuss. Walter Dirks starb an 30. Mai 1991 im Alter von 90 Jahren in Wittnau bei Freiburg. Dort lebte er viele Jahre, wurde Ehrenbürger der Gemeinde und befindet sich sein Ehrengrab. Mit einem Gastbeitrag des Dirks-Experten Gabriel Rolfes hatten wir an seinem Geburtstag an ihn erinnert. Heute veröffentlichen wir eines seiner letzten Interviews. Er gab es mir am 13. März 1988 in seiner Wohnung in Wittnau. Walter Dirks war damals gesundheitlich nicht in guter Verfassung. Es war bis zuletzt unklar, ob unser Gespräch überhaupt stattfinden konnte. So ist es ein historisches Dokument geworden. Eines, das auch nach fast 40 Jahren die inspirative Kraft und die Aktualität seines Denkens zeigt.
Herr Dirks, Sie sind jetzt 87 Jahre alt und stehen am Ende Ihres langen Lebens. Wenn Sie zurückblicken und Ihre Leben bedenken, ein Resümee ziehen, was empfinden Sie da? Was ist Ihre vorherrschende Gemütsbewegung?
Ich muss leider gestehen, dass meine Grundempfindlichkeit Dank ist. Und das ist sehr schwer zu verantworten vor den vielen Opfern der Geschichte, vor den viele Leidenden in aller Welt und vor den ungelösten Problemen. Ich müsste also eigentlich entweder resigniert oder verzweifelt sein. Aber ich habe so viel Gutes erfahren in meinem Leben, von Menschen und vom lieben Gott, dass ich bekennen muss, dass das Grundgefühl Dankbarkeit ist.
Woher rührt dieses Grundgefühl?

Aus den guten Erfahrungen, die ich mit dem Leben gemacht habe. Trotz der großen Schwierigkeiten, die es manchmal gab. Ich habe einen großartigen Start gehabt durch meine Eltern und meinen Großvater. Ich habe einen etwas komplizierten Jugendweg gemacht, aber das ging dann durch die Jugendbewegung gut aus, diese kritische Jugendzeit. Und ich habe beruflich Erfolg gehabt und niemals ernsthafte Schwierigkeiten. Natürlich: ein Sonderkapitel ist das Dritte Reich. ___STEADY_PAYWALL___
Das war natürlich eine sehr schwierige Zeit, aber sie ist ja überwunden worden. Ich kann da nicht gegen an, gegen diese Dankbarkeit. Sie überfällt mich stufenweise. Dazwischen habe ich auch Perioden, in denen ich auch deprimiert bin.
Aber diese Perioden, die sehe ich als die Ausnahme an, weil ich da auch unproduktiv bin und plötzlich nicht mehr sehe, dass eine weiße schöne Wolke eine weiße schöne Wolke ist und sage: Na und? Deswegen sind diese Perioden für mich so unfruchtbar, weil ich sie am liebsten vergessen möchte. Sie sind aber auch eine Realität.
Sie sind ja 1901 in Hörde geboren. Erinnern Sie sich noch an die „Schlanke Mathilde“?
Selbstverständlich. Das war ein Kernstück von Hörde! Sie stand da am zentralen Platz, wo auf der einen Seite die Brücke über die Eisenbahn war, in die Stadtteile die jenseits, die außerhalb der Eisenbahn lagen, und der Hauptteil von Hörde. Nach der anderen Richtung hin, war die Endhaltestelle der Straßenbahn nach Dortmund, die Märkische Straße, und die Hauptstraße, die Chausseestraße und Hochofenstraße, die andere Achse die Ost-West-Achse lief auch darüber. Es war so ein kleiner Platz, der gleichzeitig ein Straßenkreuz war. Und zwischen dem kreuz ging eine Straße schräg auf den Bahnhof zu.
Es war also unbedingt der Mittelpunkt von Hörde. Da stand in der Mitte eine Uhr. Und diese Uhr war ungewöhnlich durch ihre Höhe und Größe. Die war sicherlich doppelt so hoch wie eine normale Straßenuhr zu sein pflegt. Und das war dann auch der Treffpunkt. Da war dann auch ein Café in der Nähe. Man trifft sich an der Schlanken Mathilde. Das war schon ein Stück hördisches Hörde!
Wie sah dann ihr Lebensweg aus?
Zunächst die Kindheit in Hörde selbst. Mein Großvater war ein „Bauerndemokrat“, ein Bäcker-Bauernsohn, der uns beibringen wollte, dass der 1868 Krieg zwischen Österreich und Preußen falsch verlaufen sei, weil leider nicht die Österreicher gewonnen hätten sondern die militaristischen Preußen in Berlin.

Meine Mutter war eine Sozialarbeiterin, eine der ersten Fürsorgerinnen der Stadt Dortmund. Sie hat mich sehr in die sozialen und sozialpolitischen Aspekte des Lebens eingeführt und mich auch in Verbindung gebracht mit der Arbeiterschaft in Hörde.
Meine Mutter hat mir einmal, als wir am Fenster einen Zug von streikenden Bergleuten ansahen, die vor unserem Haus auf der damaligen Chausseestraße vorbeizogen und dann von preußischen Gendarmen belästigt wurden. Da hat sie mir gesagt: „Da hängt die ganze Stadt von den beiden Hüttenwerken ab direkt oder indirekt – und da sagen die Herren da oben, das sei Privateigentum.“
Das hat mich mein ganzes Leben lang geprägt. Es war eine schöne Jugendzeit, obgleich die Penne eine Last für mich gewesen ist. Ich war dort auf dem Königlichen Gymnasium an der Lindemannstraße. Mein Schulfreund und ich haben uns eigentlich gegen die Schule gebildet. Das war auch eine großartige Erfahrung, dass wir in der Musik, in der Literatur unsere eigenen Wege gegangen sind. Die Schule war gleichsam so die Wand, gegen die wir unsere Bälle warfen. Wir fingen sie wieder auf und so kamen wir weiter. Schwierig war es mit der Sexualmoral der römisch-katholischen Kirche. Die hat mich sehr geplagt. Und ich nehme an, dass die Tatsache, dass ich gestottert habe, mit diesem Problem zu tun hatte.

Ich war ein sehr frommer Junge und wurde mit den Sexualproblemen nicht fertig. Das hat mich sehr irritiert. Dann war die Jugendbewegung selbst für mich entscheidend.
Die hat auch bewirkt, dass das Stottern aufhörte, dass ich ein anderes Lebensgefühl bekam. Die hat mich also aufgewühlt bis dort hinaus. Das war ja ein Umbruch, vor allem die antibürgerliche Komponente. Nach dem Krieg gab es auch eine katholische Jugendbewegung. Das war ein Reifungsprozess und ein großer Wandlungsprozess.
Der hat mich auch in meinen Beruf geführt: Während ich vorher ein Stotterer war, wurde ich ein Journalist, das heisst, einer der sich einmischt, der mit seiner Rede und mit seinem Wort die Welt verändern will. Mein erster in dieser jugendlichen Presse hieß „Vom Westen“, um den Bayern und Hessen und den Schlesiern klar zu machen, dass wir im Ruhrgebiet ein anderes Lebensgefühl hatten als die Süddeutschen und die Ostdeutschen, durch die Industrielandschaft und das, was sie uns zumutete.
Gab es damals in der Jugendbewegung der Weimarer Republik auch so etwas wie eine Aufbruchsstimmung? Also dass, was man vielleicht vergleichen könnte mit dem, was sich heute (in den achtziger Jahren; H.D.) unter den Grün-Alternativen abspielt, eine Veränderung der Lebensformen, eine Veränderung des Lebensalltags?
Unbedingt! Schon dass sich die Jugendbewegung entschieden als Bewegung verstand und nicht als Organisation. Ganz gewiss gab es da Elemente, die sich mit den heutigen Bewegungen vergleichen lassen. In gewisser Hinsicht sind wir sozusagen Grüne vor den Grünen gewesen. Das fing ganz bescheiden an, dass wir eben auf Wanderungen sorgfältig unser Butterbrotpapier versteckten im Waldboden, um den Wald nicht zu entweihen. Dann eben die Naturnähe zu den Pflanzen und zu den Tieren. So dann eine Verhalten, das auf Änderungen zielt, auf Reformen.
Eine Orientierung weniger auf die Vergangenheit als auf die Zukunft. Wir waren geneigt, den Kapitalismus sehr gründlich zu kritisieren. Und wir dachten schon damals in Richtung auf einen freien Sozialismus, einen demokratischen Sozialismus, auf eine Überwindung des Klassenkampfes durch eine radikale Reform der Gesellschaft. Und der Gedanke des Friedens hat uns sehr beschäftigt. Es ging ja auch damals darum, den 1. Weltkrieg zu verdauen.
Inwieweit denken Sie haben denn die Bewegungen, die wir heute erleben, Einfluss auf Kirche, Parteien und Gewerkschaften?
Ich fürchte auch da immer, dass sich die Zweispaltung unserer Gesellschaft in eine Minderheit von Menschen, die mit guter Überlegung eine gute Zukunft als Realisten, aber zugleich als reale Utopisten eine andere Zukunft entwerfen wollen. Und die Mehrheit derjenigen, die in ihren eigenen Status quo-Positionen verharren, ihren konfessionalistischen, ihren politischen, ihren sozialen, soziologisch bestimmten Gruppen interessengebunden sind, dass sich die auch in Zukunft auswirken wird. Die Minderheit kämpft und sucht Einfluss, die Partie ist offen. Man weiß nicht, wie es ausgehen wird.
Ich bin sozusagen ein Pessimist, der zugleich ein Hoffender ist. Ich kann nicht Optimist sein angesichts der Welt-Kriegslage, angesichts vieler psychischer Tatsachen, vieler Wertezerstörungen und so weiter. Aber ich setze auf die gute Karte. Die Partie ist nicht zu Ende und man muss bis zum letzten Augenblick auf die gute Karte setzen, wenn man glaubt, eine in der Hand zu haben. Das wäre so meine Grundposition geblieben. Früher war ich natürlich nicht so pessimistisch, weil die Welt ja auch nicht so schrecklich war, wie sie heute ist.
Wie ist es Ihnen gelungen, als Journalist in der Nazizeit mit Anstand zu überwintern?

Ich war überzeugt, dass das Regime zwar einige Zeit dauern würde, aber das es sich nicht auf Dauer halten könne. Das hatte drei Ursachen. Einmal das Stück Naturrecht: Der liebe Gott die Menschen nicht zu Katastrophen bestimmt. Die menschliche Natur ist nicht so, dass sie so eine verrückte Diktatur so auf die Dauer aushält. Das war zweitens mein christlicher Glaube an den Heiligen Geist, der die Menschheit auch nicht endgültig verlassen werde und drittens das, was ich vom Marxismus gelernt habe, dessen Geschichtstheorien, dessen politische Theorie.
Diese Dinge haben sich sehr verbündet miteinander und deswegen war ich immer sicher, dass es zu Ende gehen würde. Gerade diese Haltung hat mir auch eine gewisse Bewegungsfreiheit im Nazismus gegeben, denn es kam nicht so darauf an, dass ich dauernd das KZ oder die Hinrichtung riskierte. Es würde ja zu Ende gehen. Deswegen war meine Formel, wir müssen versuchen mit Anstand zu überleben. Das ist mir in weitgehendem Maße gelungen, aber doch nicht ganz völlig gelungen. Ich meine, dass es meine Aufgabe wäre, auch meine Fehler und meine Schwächen von damals aufzudecken.
Es gehört sich, dass man die Karten auf den Tisch legt. Und da ist auf der einen Seite die Periode bei der „Frankfurter Zeitung“. Die glaube ich rechtfertigen zu können. Die Nazis verlangten nicht von uns, dass wir Nazis waren. Aber riskiert haben wir im Feuilleton auch nicht allzu viel. Als die Zeitung geschlossen wurde, gehörte ich zu den elf Leuten, die Berufsverbot bekamen, während die anderen an andere Zeitungen vermittelt wurden.
Zurückblicken können Sie auf eine jahrzehntelange journalistische Tätigkeit. Wie würden Sie Ihr journalistisches Selbstverständnis beschreiben?

Ich hab da einmal eine Formel für gefunden: Das Geld der Macht, der Reiz der Macht, der Erfolg der Macht, die Macht der Macht und `ne gute Presse – das ist zu viel verlangt. Der Kern des Journalismus ist für meinen Begriff „Kritik“. Kritik an der ersten, zweiten und dritten Gewalt. Vielleicht noch mit einem anderen zusammen: „Vermittlung“. Das dämpft ein wenig die Einseitigkeit der Kritik.
Diese zweite Funktion erscheint mir, darin zu bestehen, dass sie dem Publikum, dem einzelnen Menschen, dem Staatsbürger helfen soll, unabhängig machen soll von dem Fachmann, sie schützen soll vor der Übermacht der Experten. Journalisten sind Vermittler zwischen der Wissenschaft, zwischen dem, was auf anderen Gebieten Experten sagen und dem kleinen Mann.
Das ist so eine produktive Funktion neben der kritischen, wobei es natürlich eine Arbeitsteilung geben kann: Der eine Journalist hat mehr die eine Funktion auf sich genommen, der andere die andere.
Sie haben viele Niederlagen erlebt. Warum hat sie das nicht völlig entmutigt?
Wir sind mehrere Male gescheitert: 1933, 1945, mit der Währungsreform, wir haben Adenauer nicht verhindern können. Die Versuchung ist, dann zu sagen: Es war alles für die Katz! Das bringe ich aber nicht fertig, dieser Versuchung Raum zu geben. Ich habe immer mit dem Bösen und den negativen Möglichkeiten gerechnet.
Das hab ich aber in der Schule schon gelernt, dass man kämpfen muss für das Gute gegen das Böse. Ein elementare Grundmoral. Und die möchte ich durchhalten bis zum Schluss. Optimismus hat eine Menge von Gefahren in sich: Gleichgültigkeit, Tatenlosigkeit, falsche Zufriedenheit und so weiter. Aber ich bin einer, der auf die gute Karte setzt. Und dabei möchte ich bleiben.

Wovon träumen Sie noch?
Ich träume davon, dass die Sache gut ausgeht!
Was wünschen Sie sich noch?
Alles. Alles Gute! Weil es mehr als alles gar nicht gibt. Und dass es besser ausgeht, als man es heute faktisch sieht.

(Zuerst veröffentlicht am 30. Mai 2016 auf Revierpassagen.de)
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