
Zwischen März und dem 12. April 1945 ermordeten Gestapo-Mitglieder rund 260 Menschen an mehreren Orten in Dortmund-Hörde, der Bittermark und im Rombergpark. Die sogenannten Karfreitagsmorde zählen zu den schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges, die sich in Dortmund ereigneten. Seit 1960 wird jährlich an Karfreitag an die Massenexekutionen gedacht – auch dieses Jahr (am 3. April 2026) kamen mehrere hundert Menschen zum Mahnmal in der Bittermark, um gemeinsam der Opfer zu gedenken.
Die Ermordeten kamen aus ganz Europa
Schon kurz nach Kriegsende wurden mehrere Massengräber im Rombergpark und auf der Spielwiese in der Bittermark entdeckt. Unter den ermordeten Menschen waren Zwangsarbeiter:innen und Gefangene aus Frankreich, der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Belgien, den Niederlanden, dem ehemaligen Jugoslawien und Widerstandskämpfer:innen aus Deutschland.

Bis heute konnten nicht alle Opfer identifiziert werden. Um ihnen eine würdige Ruhestätte zu bieten, wurden 89 Opfer bereits kurz nach Kriegsende in der Bittermark bestattet. Die übrigen Ermordeten wurden auf mehreren Friedhöfen in Dortmund-Hörde beigesetzt.
1954 wurde die heutige Grabanlage auf der Spielwiese in der Bittermark eingeweiht und alle Ermordeten, die bisher nicht dort bestattet waren, erhielten dort ihre ewige Ruhestätte.
Seit 1960 wird am Mahnmal Bittermark an die Opfer erinnert
In den folgenden Jahren wurde das Mahnmal Bittermark vom Architekten Will Schwarz und Bildhauer Karel Niestrath geplant und mit Förderung der Stadt errichtet. Die Krypta im Innenraum des Mahnmals wurde von Léon Zack in Zusammenarbeit mit dem Verband der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten gestaltet.

Die Grabanlage ist auch für Frankreich ein wichtiger Gedenkort, weil viele der Opfer französische Gefangene waren. Bereits 1960, mit der Einweihung des Mahnmals in der Bittermark, kamen Menschen am Karfreitag zum Gedenken und Erinnern zusammen.
Die Tradition wurde jährlich fortgesetzt. An diesem Karfreitag (3. April 2026) versammelten sich abermals sowohl Dortmunder:innen als auch europäische Gäste um 15 Uhr vor dem Mahnmal Bittermark. Denn die Gedenkstätte ist „nicht nur ein Dortmunder Erinnerungsort. Sie ist ein europäischer Erinnerungsort“, stellte Bürgermeister Norbert Schilff in seinem Grußwort fest.
Bürgermeister Norbert Schilff „Erinnerung kennt keine Grenzen“
Dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern gekommen seien und das jährlich tun, zeige, dass „Erinnerung keine Grenzen kennt“. Zum Innehalten und Mahnen kämen viele: Auf der Wiese werden Fahnen geschwungen, Banner gehalten und Flyer verteilt.

Anwesend sind unter anderem Initiativen wie „Omas Gegen Rechts“, das „Dortmunder Friedensforum“, das „Bündnis Gegen Rechts Dortmund“, Parteien oder der BVB.
Der BVB organisiert zusätzlich zur Gedenkfeier seit 2004 den Heinrich-Czerkus-Lauf, um an die Opfer der Karfreitagsmorde zu erinnern. An Karfreitag wird gemeinsam der Weg vom Stadion Rote Erde entlang verschiedener Standorte der Exekutionen bis zum Mahnmal Bittermark abgelaufen. Namensgebend für den Lauf ist Heinrich Czerkus – Opfer der Karfreitagsmorde, ehemaliges KPD-Mitglied und Platzwart des BVB.
„’Nie wieder‘ ist kein historischer Satz – er ist ein Auftrag.“
Die Gedenkfeier wurde stellvertretend, da Friedhelm Evermann kurzfristig erkrankt ist, von Markus Günnewig, dem Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, moderiert. Außerdem unterstützten der Posaunenchor Dortmund und der Kinderchor der Chorakademie Dortmund mit musikalischen Beiträgen. Begonnen wurde das Erinnern mit einer Schweigeminute.___STEADY_PAYWALL___

Im Anschluss daran hielt Schilff sein Grußwort und hatte eine unmissverständliche Botschaft: „’Nie wieder‘ ist kein historischer Satz – er ist ein Auftrag.“ Er rief dazu auf, sich daran zu erinnern „wohin Hass, Gewalt und Menschenverachtung führen können.“ Es sei besonders heute wichtig, Haltung gegen Faschismus zu zeigen und sich „nicht an Gewalt zu gewöhnen.“
Den Appell richtete er dabei an alle: „Jede Generation muss sich neu fragen: Was bedeutet Verantwortung in unserer Zeit?“ Auch die Stadt Dortmund und die Kommunalpolitik haben den Auftrag, „strukturierte Demokratiearbeit“ zu leisten. Gerade entwickele die Stadt einen Aktionsplan gegen Extremismus und Antisemitismus.
„Das Rathaus gehört uns allen. Es gehört der Demokratie.“
Schilff betonte, dass die Dortmunder:innen selbst im Mittelpunkt der Präventionsarbeit stehen müssen: „Wenn Menschen sich gehört fühlen, wenn sie Vertrauen in Institutionen haben, wenn Nachbarschaften funktionieren, dann sinkt die Anfälligkeit für einfache Feindbilder“.

Nicht unerwähnt ließ Schilff den Neujahrsempfang der AfD, der im Februar 2026 im Rathaus Dortmund stattfand.
„Demokratie bedeutet, dass wir unterschiedliche Ansichten aushalten. Aber sie bedeutet nicht, dass wir widerspruchslos bleiben“, zeigte sich Schilff beeindruckt von den Protesten der Dortmunder:innen.
Sie machten deutlich: „Das Rathaus gehört uns allen. Es gehört der Demokratie. Es gehört der Vielfalt“.
Junge Generation verantwortlich für Erinnerungsarbeit
Weitere Redebeiträge erfolgten von Madame Nicole Godard, Präsidentin des Verbands der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten und Georg Deventer, dem Vorsitzenden des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergpark-Komitee e.V.

Godard bat die Anwesenden „wachsam zu bleiben“ und für eine lebendige Demokratie einzustehen. Besonders forderte sie die junge Generation auf, die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten. Es sei wichtig, nicht zu vergessen, dass die Menschen im Zweiten Weltkrieg „Werkzeuge im Dienst einer Kriegsmaschine wurden, die sie verachtete“.
Darunter war auch ihr Vater, der die Zwangsarbeit überlebte. Godard mahnte, sich daran zu erinnern, dass ihr Vater „ein Mensch war und kein weiterer Vater im Namen einer Hassideologie verloren“ gehen sollte. Mit dem Zitat „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“ von Richard von Weizsäcker fordert sie die Menschen dazu auf, nicht zu passiven Mitläufer:innen zu werden.
Georg Deventer mahnt: „Die AfD ist gefährlicher denn je!“
Deventer stellte in seinem Grußwort fest, dass die Karfreitagsmorde noch immer nicht an Schrecken verloren hätten. Für ihn müssten sich alle deutschen Staatsbürger:innen dem Holocaust stellen, um auch 81 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg das Versprechen „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ halten zu können.

„Erinnern ist eine Ewigkeitsaufgabe“ und die Solidarität, die die Anwesenden heute zeigten, sei ein Teil davon. Dennoch stellte Deventer die Frage, warum es trotz der Erinnerungskultur einen so großen Erfolg des Rechtspopulismus gebe.
Mit der Aussage „Die AfD ist gefährlicher denn je“ kritisierte er die Partei deutlich. Sie sei zwar demokratisch gewählt, aber ihre Vertreter:innen in den Parlamenten seien im Kern keine Demokraten. Sie seien Verfassungsfeinde, die den Schutz der Parlamente ausnutzen. Er schließe sich Heribert Prantl an, der sich in der Süddeutschen Zeitung dafür ausspreche, ein Verbotsverfahren gegen die AfD zu prüfen.
Zuletzt forderte Deventer auch die Stadt Dortmund zu mehr Gedenken auf: Das zentrale Mahnmal zur Zwangsarbeit am Phönixsee sei in einem „unwürdigen Zustand“ und eine Instandsetzung sei nötig. Auch der Gedenkstein an der Westfalenhalle reiche nicht aus, um an das Stammlager für Kriegsgefangene (Stalag VI D), in dem zwischen 1939 und 1945 etwa 77.000 Menschen interniert waren, zu erinnern. Es bräuchte eine Gedenkstätte, um diesen Teil der Geschichte der Westfalenhalle nicht zu unterschlagen. Der Förderverein der Gedenkstätte Steinwache erwarte von den Verantwortlichen eine Umsetzung von beidem.
Mahnmal Bittermark wird zum Gartendenkmal erklärt
Dieses Jahr wird die Spielwiese samt Grabanlage und Mahnmal zum Gartendenkmal erklärt. Lucia Reckwitz von der Denkmalbehörde berichtete, was den Ort besonders mache. Unter anderem verwies sie auf die halbkreisförmige Anordnung der Gräber und den Rhododendron, der um Ostern herum – also immer zu der Zeit, als die Karfreitagsmorde begangen wurden – blühe.

Anlässlich der Ernennung zum Gartendenkmal bringen die Auszubildenden der Friedhöfe Dortmund provisorisch und symbolisch eine Plakette an. Seit einigen Jahren sind sie mit für die Grabanlage Bittermark zuständig.
Dieses Jahr präsentierten sie die Freilegung der letzten Grabreihen und organisierten die Gedenkaktion mit: Im Anschluss an die Wortbeiträge durften alle Anwesenden in Gedenken an die Opfer Grablichter und Blumen auf der Grabanlage verteilen.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
Gedenken an die Karfreitagsmorde: „Dortmund ist eine Stadt, die sich ihrer Geschichte stellt“
Die AfD schwört die Basis im Rathaus Dortmund auf einen kompromisslosen Kulturkampf ein

