
Von Finn Tayfun Wieschermann
Nach den neusten Zahlen des Verbands der Ersatzkassen (vdek) müssen Pflegebedürftige in diesem Jahr deutlich mehr für ihren Aufenthalt im Heim bezahlen. Die Eigenbeteiligungen steigen im Vergleich zum Vorjahr deutlich an. Der vdek sieht Bund und Land NRW in der Verantwortung, die wachsenden Kosten zu übernehmen. Auch die Stadt Dortmund und die Verbände der freien Wohlfahrtspflege drängen auf schnelle Entlastungen und auf eine langfristige Reform.
Neuste Zahlen des vdek – der Eigenanteil steigt deutlich

Pflegebedürftige in Nordrhein-Westfalen müssen 2025 deutlich höhere Eigenanteile im Pflegeheim zahlen. Im ersten Jahr der Heimunterbringung beläuft sich der monatliche Eigenanteil inzwischen auf 3.427 Euro – ein kräftiges Plus von 277 Euro im Vergleich zu 2024.
Auch in den Folgejahren steigen die Kosten spürbar: Im zweiten Jahr zahlen Betroffene 3.159 Euro (+202 Euro), im dritten Jahr 2.803 Euro (+171 Euro). Ab dem vierten Jahr sinkt die Belastung zwar durch höhere Zuschüsse der Pflegekassen auf 2.358 Euro, liegt damit aber immer noch 132 Euro über dem Vorjahreswert.

Vor allem Energiepreise und Inflation haben Heizen und Verpflegung in den vergangenen Jahren teurer gemacht. Auch die höheren Zinsen treiben die Investitionskosten. Dies wirkt sich direkt auf die Beiträge für die Bewohner:innen aus. Seit September 2022 gilt zudem die Tarifbindung für Pflegeheime. Nach Angabe der Stadt Dortmund macht auch das die Pflege teurer, da die Heime die Mehrkosten direkt weitergeben.
Diese Kostensteigerungen werden für viele Menschen zu einem drängenden Problem. So liegen die Renten in NRW im Jahr 2024 mit 1.708 Euro zwar über dem Bundesdurchschnitt, Heimplätze bleiben damit aber kaum zu finanzieren. Zumal der Unterschied zwischen Rentnerinnen und Rentnern deutlich ist: Frauen erhalten durchschnittlich nur 1.390 Euro Rente, bei Männern sind es immerhin 1.923 Euro.
Viele Dortmunder:innen sind direkt betroffen
Von dieser Belastung sind auch viele Dortmunder:innen direkt betroffen. So gibt es in der Stadt derzeit 60 stationäre Einrichtungen. Sie bieten Platz für knapp 5.700 pflegebedürftige Bewohner:innen.

Acht dieser Häuser werden direkt durch die Städtische Seniorenheim Dortmund gGmbH (SHDO) mit rund 870 Plätzen zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus betreibt die Stadt Plätze für die Tagespflege, Einrichtungen für betreutes Wohnen und seit neustem einen ambulanten Dienst.
Zusammen mit den freien Trägern soll dieses Angebot in der Zukunft noch ausgebaut werden. So plant die SHDO ein Demenz-Kompetenz-Zentrum. Außerdem sollen Kurzzeit- und Tagespflege, ambulante Leistungen und die Quartiersarbeit gestärkt werden.
Übereinstimmende Forderungen nach Entlastungen für Betroffene und Angehörige
Sowohl vdek als auch die Dortmunder Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege und die Stadt sind sich einig, dass Entlastungen dringend geboten sind: „Versicherungsfremde Leistungen müssen endlich vom Staat finanziert werden“, fordert NRW-Landeschef Dirk Ruiss. Allein das würde die Pflegeversicherung um 4,5 Milliarden Euro pro Jahr entlasten. Außerdem sei die Rückzahlung pandemiebedingter Sonderkosten in Höhe von 5,5 Milliarden Euro längst überfällig.
Auch das Land NRW steht nach Ansicht des vdek in der Pflicht: Würde es, wie vorgesehen, die Investitionskosten übernehmen, hätten die Heimbewohner:innen 636 Euro weniger im Monat zu zahlen. Seit vergangenem Jahr sind diese Kosten noch einmal um 31 Euro gestiegen.
Das SHDO betont: „Bewohner:innen und Angehörige können diese Preissteigerungen nachvollziehen, wenn man sie erklärt. Trotzdem brauche es mehr Unterstützung durch das Land bei den Investitionskosten. Außerdem sollte die medizinische Behandlungspflege komplett von den Krankenkassen finanziert werden.“
Die AG der freien Wohlfahrtspflege nimmt die Stadt in die Pflicht
Tim Hammerbacher, AWO-Geschäftsführer und aktuell Sprecher der Verbände der freien Wohlfahrtspflege in Dortmund, nimmt dabei auch die Stadt in die Pflicht. Diese könne gezielter Bundesmittel abrufen und eigene Programme auflegen, etwa für energetische Sanierungen in Pflegeheimen.

Auch in der Prävention und Beratung gebe es noch Potenzial – ebenso bei der Koordination mit den freien Trägern. „Nicht nur SHDO, sondern alle Verbände sollten sich an diesem Prozess beteiligen – selektiv und bedarfsorientiert“, betonte Hammerbacher.
Da Neubauten sehr kostspielig sind, sollte die Stadt nur in Verbindung mit Investitionszuschüssen, Miet- und Betriebszuschüssen oder kostendämpfenden Konzepten wie Sozialtarifen, die von Land oder Bund bereitgestellt werden, neue Plätze schaffen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Investitionskosten auf die Heimbewohner:innen umgelegt werden, warnt Hammerbach. Dabei müsse die Trägervielfalt erhalten bleiben, damit auch freie Träger von etwaigen Programmen profitieren können.
Laut Hammerbach gibt es auch Alternativen zum teuren Neubau: So sollte geprüft werden, ob ein Ausbau der Tages- oder Kurzzeitangebote sowie eine Förderung ambulant-integrierter Wohnformen möglich ist. Dabei müsse eine Kooperation mit den freien Trägern angestrebt werden. Diese lasse sich schneller und kosteneffizienter umsetzen als stationäre kommunale Neubauten, macht Hammerbach deutlich.
Eine Pflegereform ist weiter in Planung
„Wir erwarten, dass eine umfassende Pflegeversicherungsreform angestoßen wird, was – soweit der Kenntnisstand – derzeit durch eine Bund-Länder-Kommission schon inhaltlich bearbeitet wird“ betont Anke Widow, Pressereferentin der Stadt. Ob die geplante Pflegereform die Belastung senkt, ist allerdings offen. Noch liegt sie nur in groben Zügen vor. Der vdek warnt: Steigen die Eigenanteile weiter und bleibt das Defizit der Pflegeversicherung bestehen, drohen spätestens 2026 höhere Beiträge.

Die Stadt erhofft sich durch die Reform mehr Entbürokratisierung, eine sektorübergreifende Quartiersversorgung und einen Fokus auf Prävention. Darüber hinaus sollten auch kurzfristige Entlastungsmaßnahmen in Betracht gezogen werden, etwa die Übernahme der Tarifmehrkosten.
Auch die Verbände drängen auf eine umfassende Reform. Nach Ansicht von Hammerbacher müsse das Ziel darin bestehen, die Eigenanteile spürbar zu senken und für Betroffene planbarer zu machen.
Dazu seien regelmäßige Anpassungen der Leistungen der Pflegeversicherung notwendig, langfristig brauche es sogar eine Pflege-Vollversicherung. Außerdem fordern die Verbände, ausländische Berufsabschlüsse schneller anzuerkennen und die Ausbildungsförderung im Pflegebereich auszubauen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Mehr Informationen:
- Die Kosten der Eigenbeteiligung setzen sich aus drei Teilen zusammen. Unterkunft und Verpflegung kosten 1.276 Euro im Monat. Dazu kommen 636 Euro Investitionskosten und der einrichtungseinheitliche Eigenanteil (EEE). Mit 1.782 Euro macht er den größten Teil aus. Er entfällt vor allem für das Pflegepersonal.
- Je länger der Aufenthalt im Heim, desto höher der Zuschuss, den die Pflegekassen am EEE übernehmen. Im ersten Jahr beträgt er 15 Prozent. Ab dem vierten Jahr sind es ganze 75 Prozent. Zu Jahresbeginn wurden die Zuschüsse angehoben: im ersten Jahr um zehn Prozent, in den folgenden Jahren jeweils um fünf Prozent.
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