Abrisspläne an der Chemnitzer Straße: Dortmunder Mieter:innen wehren sich mit Petition

Der Auszug aus der Häuserreihe soll spätestens bis Ende April erfolgen

Über den Wall zog die Demonstration zum Dortmunder Rathaus. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Ein Protestbündnis hat zum Erhalt einer Häuserreihe an der Chemnitzer Straße in Dortmund eine Unterschriftensammlung an das Rathaus übergeben – nicht ganz ohne Komplikationen. Auch der „Volkswohl Bund“ erhielt einen Umschlag. Die Versicherung plant den Abriss der bewohnten Häuser in der Dortmunder Innenstadt. Die Mieter:innen sollen bis Ende April diesen Jahres ihre Wohnungen verlassen haben, nicht alle haben schon eine neue Bleibe. Der Mieterverein Dortmund hält die Kündigung für unwirksam.

Verzögerungen bei der Unterschriftenübergabe vor dem Rathaus

Bewohner:innen und Dortmunder Bürger:innen protestierten vergangene Woche zunächst vor den betroffenen Häusern in der Chemnitzer Straße 4 bis 14. Danach bewegte sich die Demonstration vor die Hauptverwaltung des Volkswohl Bunds, die in unmittelbarer Nähe der Chemnitzer Straße liegt. Laut Angaben des Protestbündnisses unterschrieben etwa 1.800 Menschen die Petition, die den Abriss der Häuser verhindern will.

Eine Demonstrantin hält vor der Hauptverwaltung des Volkswohl Bunds ein Plakat hoch. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Um die Unterschriften entgegenzunehmen, kam vom Volkswohl Bund niemand. Die Protestierenden konnten sie aber am Empfang abgeben. Danach sollte die Petition, die sich auch an den Rat der Stadt Dortmund richtet, im Dortmunder Rathaus ein zweites Mal übergeben werden.

Nach Angaben der Polizei hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt ungefähr 85 Menschen auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus versammelt.

Dort verhinderte die Polizei jedoch, dass die Demonstrierenden in das Gebäude hineingelangten. Die Petition konnte nach einer Verzögerung so nur vor der Tür an eine Mitarbeiterin des Oberbürgermeisters überreicht werden. Philip Vaupel, der in der Chemnitzer Straße 12 wohnt, sagt dazu: „Dass man ausgesperrt wird, obwohl man so ein friedliches Anliegen hat, ist mir sehr suspekt.“

Der Mieterverein Dortmund hält die Kündigung des Volkswohl Bunds für unwirksam

Unterstützung erhalten die Bewohner:innen der Chemnitzer Straße vom Solidaritätsnetzwerk Dortmund und dem Dortmunder Mieterverein. Der hält die Kündigung für unwirksam: Vermieter:innen dürften zwar Mietverträge kündigen, wenn es nicht mehr zumutbar wäre, ein Haus weiter zu bewirtschaften. Das gilt, wenn das Haus zum Beispiel baufällig ist.

Die Demonstration vor der betroffenen Häuserreihe in der Chemnitzer Straße. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Die in der Kündigung angeführten Mängel seien aber kein Grund ein Haus abzureißen, sondern standardmäßig in einer Modernisierung enthalten.

„Wenn diese Häuser nicht zu modernisieren wären, müsste man halb Dortmund abreißen“, sagte Markus Roeser vom Mieterverein dazu. Das bestätigt Susanne Neuendorf. Die Juristin hat die Kündigung für den Deutschen Mieterbund in Dortmund geprüft. Sie gehen deshalb davon aus, dass eine Räumungsklage vor Gericht keinen Bestand hätte.

Wegen der unsicheren Situation hätten viele Mieter:innen ihre Wohnungen trotzdem schon verlassen. Denn trotz Protest und der mutmaßlich unwirksamen Kündigung scheint auch die Dortmunder Politik wenig Unterstützungsmöglichkeiten zu sehen. Der Planungsdezernent der Stadt Dortmund Stefan Szuggat sagte im Februar gegenüber dem WDR, dass es baurechtlich praktisch keine Handhabe gegen die Abrisspläne gäbe. Alle Ratsfraktionen schlossen sich dem an.

Mieter:innen fühlen sich mit ihren Sorgen alleingelassen

Der Volkswohl Bund hatte die Abrisspläne im Sommer 2025 bekanntgegeben. Auf dem Gelände der Chemnitzer Straße 4 bis 14 sollen neue Gebäude mit modernen Mietwohnungen entstehen. Dafür will die Versicherungsgesellschaft rund 18 Millionen Euro investieren. Die neuen Wohnungen sollen eine Aufwertung für das Quartier bedeuten. Die Bestandsmieter:innen sollten außerdem Unterstützung erhalten.

Der Blick auf die Hauptverwaltung des Volkswohl Bunds von der Chemnitzer Straße aus. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Philip Vaupel hält davon nichts: „Wirklich gekümmert hat sich da niemand. Ich fühle mich vom Volkswohl Bund sehr alleingelassen.“

Sie hätten zwar wenige Angebote für alternative Wohnungen erhalten, diese habe er jedoch für eine Familie mit zwei Kindern als nicht passend empfunden.

„Diese Kündigung hat uns vor Existenzängste gestellt. Wir sind an der Chemnitzer Straße verwurzelt, meine Kinder gehen hier zur Schule“, erzählt Vaupel. Es habe sich angefühlt, als hätte die Versicherungsgesellschaft ihnen den Lebensmittelpunkt weggerissen. „Die letzte Zeit war der absolute Stress.“

Mieter:innen verbindet teilweise eine lange Geschichte mit den Häusern

Auch Lina wohnt in der Chemnitzer Straße und schildert eine ähnliche Erfahrung. Sie hat noch keine neue Bleibe gefunden: „Das belastet mich tagtäglich. Wenn der eigene Wohnraum bedroht ist, fühlt man sich sehr unsicher.“ Lina möchte eigentlich nicht wegziehen: „Mein Viertel ist hier, und das seitdem ich zehn Jahre alt bin.“

Markus Roeser, Philip Vaupel, Lina und Susanne Neuendorf (v.l.) mit der Unterschriftensammlung vor dem Dortmunder Rathaus. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Sie ist nicht die Einzige, die eine lange Geschichte mit den Häusern der Chemnitzer Straße verbindet. Manche Mieter:innen leben dort seit Jahrzehnten: Herbert Krüger wohnt seit 63 Jahren in der Chemnitzer Straße, eine andere Mieterin seit 52.

Sie ist über 90 Jahre alt. „Ich finde es unmöglich, dass ein so großes Unternehmen keine Menschlichkeit zeigt und Menschen in einem so hohen Alter vor die Tür setzt“, sagt Lina dazu.

Herbert Krüger sollte ursprünglich bei der Demonstration sprechen, musste die Veranstaltung aber aus gesundheitlichen Gründen früher verlassen. Die Situation habe ihn die letzten Monate über sehr angestrengt, sagten die Veranstalter:innen. Das Protestbündnis wartet nun auf eine Reaktion von Volkswohl Bund und Politik, bis die Kündigungsfrist am 30. April ausläuft.


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