
Eine Filmkritik von Sandy Danneil
Melanie zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Alltag seiner gleichnamigen Heldin. Melanie ist keine Fiktion, sondern zermürbende Großstadt-Normalität. Denn Melanie ist drogenabhängig mit zerfurchter Haut, zarter Stimme und einer Zuversicht, von der sich manch eine:r während der 65 Minuten Laufzeit eine Scheibe abschneiden kann. Das zu erleben, haben Interessierte am 13. Februar 2026 erneut die Gelegenheit. Denn Melanie wird im Rahmen der Veranstaltungen von „Schlafen statt Strafen“ an zwei Orten in der Dortmunder Nordstadt gezeigt. Der Film handelt in den Monaten Oktober bis Dezember im Vor-Corona-Jahr 2018 – da war die Welt in vielerlei Hinsicht noch ein andere.
Nicht neu, aber nachhaltig verstörend: Sucht im Film
Drei Monate sind für einen Portraitfilm ein eher kurzer Zeitraum. Die mangelnde Tonhöhe von MELANIE ist alles andere als schrill. Alles wirkt eher beiläufig und betäubt vom nörgelnden Dröhnen des alten Kühlschrankkompressors in Melanies Küche. Und doch fehlt es, bei aller Kürze, nie an Nähe. „Wir wollten den Film auditiv nicht polieren oder künstlich ‚verschönern’“, erklärt MELANIEs Regisseur Laurenz Paryas im Interview.
„Für uns standen Nähe und Empathie für Melanie im Vordergrund, die auch durch ihre Offenheit entsteht“, so Paryas. Geräusche aus Melanies Welt werden so bewusst zu auditiven Symbolen ihres Zustands. Das Brummen des Kühlschranks, direkt an ihrem Sitzplatz, steht stellvertretend für die den Mangel an Ruhe. Es unterstreicht Melanies inneren Zustand. Diesen Zustand einer Lebensrealität wollten Paryas und Elis nicht zum Schweigen bringen, sondern erfahrbar machen.

Sucht mithilfe der Kamera erfahrbar zu machen ist nichts neues, aber dafür noch immer eines der stärksten Motive im Film. Egal ob in 90er-Kultstreifen wie Dany Boyles TRAINSPOTTING, in verstörenden Dramen wie Darren Aronofskys REQUIEM FOR A DREAM oder in trostlosen Biopics wie WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO: allen gemein ist eine ungeschönte Subjektivität auf Abhängigkeit und Kontrollverlust.
Der im Genre des Cinema Direct gedrehten Biopics wendet sich bewusst gegen eine sozialvoyeuristische Darstellung dieser Subjektivität. MELANIE ist mehr Traurigkeit als Trash. Es gibt keine vermimbare Exploitation und noch weniger Anlass zum Fremdschämen. Vielmehr ist Melanies Leben als erwachsene Drogenabhängige mit festem Wohnsitz, zwei Katzen und leerem Kühlschrank überraschend unaufgeregt – heute ganz anders als früher. Während Christiane F. ein bis zwei Generationen mit dem juvenilen Sucht-Abgrund das Fürchten lehrte (mich eingeschlossen), lebt Melanie ein Leben von erschreckender Beiläufigkeit und routinierter Langeweile.
Protokolle des Alltäglichen: Die Kamera als Weggefährte
Melanie zeigt zarte Anleihen an der Geschichte von Tanja H., die die Autorin Sabine Braun und Kameramann Jens Hamann in Süchtig – Protokoll einer Hilflosigkeit erzählen. Dieser Dokumentarfilm beginnt 1990 mit der ersten Version einer heroinsüchtigen 15-jährigen, deren Leben und allmähliches Sterben in den folgenden Jahren bis 2003, d.h. bis zu ihrem 29. Lebensjahr, in verschiedenen Etappen nüchtern mit der Kamera ‚protokolliert‘ wird.
Anders als bei Tanja H., ist die Kamera in Melanie weit weniger nüchtern, sondern erinnert an einen geduldigen Zuhörer, der nicht eingreift, aber Melanie wie ein treuer Weggefährte, ein vermeintlich unsichtbarer Freund zur Seite steht, der keine Widerworte gibt und sie ausreden lässt.

Mit der Kamera, so scheint es, kann Melanie auch über die Dinge sprechen, die nicht ausschließlich mit Drogenkonsum, deren Beschaffung oder damit verbundenen Konflikten zwischen Dealern und ihrer Kundschaft zu tun haben. „Das visuelle Konzept des Films und die spürbare Enge sind nicht als gestalterische Provokation entstanden, sondern aus der Beobachtung der realen Dynamiken vor Ort“, erklärt Laurenz Paryas, der mit Melanie 2018 sein Studium abschloss.
Melanies Alltag ist das strukturgebende Element des Films und erinnert an ein Kammerstück, nur mit weniger Bühne und noch weniger Grund zum Lachen. Innerhalb ihrer Wohnung gibt es klare, sich wiederholende Strukturen und sogar Sitzordnungen. Auf diese Ordnung haben auch die beiden Filmemacher mit ihrer Kamera reagiert. „Unser Ziel war es, uns möglichst zurückhaltend in diese Realität zu integrieren und ihre Welt zu entmystifizieren.“
Diese Entzauberung bereinigt die Bilder von jeglicher Distanz, aber somit gleichzeitig auch von Illusion. Stattdessen begleitet den Zuschauenden eine beklemmende Normalität, eine beruhigende Leere, die wenig Hoffnung zulässt, dass Melanies Heldinnenreise ein Ziel hat – zumindest jetzt noch nicht.
Von Abhängigkeiten und dem Wunsch nach Überwindung
Filmemacher, vor allem im Dokumentarischen, werden davon angetrieben, etwas verändern zu wollen. Oder zumindest auf eine wie auch immer geartete Veränderung aufmerksam zu machen. Laurenz Paryas betrachtet Veränderung dabei als Transformation, die im Inneren entsteht und eher fühlbar als mit bloßen Augen sichtbar wird.
Und da setzt auch Melanie an, der am 8. Februar im „Kasino“ Dortmund-Premiere feierte: „Ich lese Melanies Offenheit im Film selbst als Teil dieser Transformations-Bewegung: das Bedürfnis, sich mitzuteilen, gehört zu werden, sich überwinden. Schon das laute Aussprechen von Bedürfnissen festigt den Wunsch nach Veränderung, auch wenn sich der Alltag zunächst nur langsam verschiebt.“
„Ich will nicht sterben. Ich liebe das Leben“, tönt es leise aus Melanies früherem Ich, das wie im „Sunken Place“ aus dem Film GET OUT in Geiselhaft gehalten wird. Inzwischen, acht Jahre nach dem Dreh selbst, so erfahre ich vom Filmemacher, hat Melanie mehrere Therapien durchlebt, hatte Klinikaufenthalte, schlief in Frauenhäusern oder saß im Gefängnis.
Die gerichtliche Kündigung ihrer Wohnung, die sie im Film nur kurz als „nur eine auf einem Haufen von Baustellen“ bezeichnet, machte es ihr für lange Zeit schwer, einen stabilen Ort zu finden, an dem sie zur Ruhe kommen und ihr früheres Ich befreien kann.
Sucht ohne Ende? Die Suche nach Überwindung und neuen Gewohnheiten
Mit der Hilfe der Mitternachtsmission e.V. hat sie heute einen Platz in einem eigenen Zimmer in einem Iserlohner Wohnprojekt. Der räumliche Abstand zu Dortmund tut ihr gut und unterstützt sie dabei, Schritt für Schritt Alltagsstrukturen abseits der Drogen aufzubauen. Allerdings ist sie glasklar über die Tatsache, dass Sucht, ihre Sucht, nie wirklich „geheilt“ wird. Statt Heilung geht es ihr um Überwindung und Selbstwirksamkeit. Melanie sehnt sich nach neuen Gewohnheiten und sucht nach neuen Strategien.
Vielleicht wird Melanies neuer Weg der Gegenstand einer Fortsetzung. Die radikale Subjektvität in MELANIE macht neugierig wie es mit ihr, ob es mit ihr weitergeht. „Über einen möglichen zweiten Teil sprechen wir immer wieder“, erzählt der Filmemacher im Nordstadtblogger-Interview, der bis heute in engem Kontakt mit seiner Hauptdarstellerin steht. „Gerade im letzten Jahr hat sich viel verändert“, so Paryas. „Wir wollen nur dann weiterdrehen, wenn der Moment für Alle stimmt und sich organisch ergibt.“ Welche Form das annehmen könnte, bleibt derzeit noch offen.
Zusammen mit „Schlafen Statt Strafen“ wurde bzw. wird der Film im Februar 2026 zweimal in Dortmund gezeigt. Am vergangenen Sonntag war er im „Kasino“ zu sehen und am Freitag, 13. Februar, um 19 Uhr im „Nordpol“.
Der Trailer zum Film:
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