
Befindet sich unsere Demokratie an einem Kipppunkt? Diesen und weiteren Fragen geht die von der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte „Mitte-Studie“ nach. Mitherausgeberin Prof. Dr. Beate Küpper stellte jetzt zentrale Erkenntnisse der Studie von 2024/25 in den Räumlichkeiten der VHS Dortmund vor. Ihre Analyse zeichnete ein ambivalentes Bild: Während sich eine breite Mehrheit weiterhin zur Demokratie bekennt, sind rechtspopulistische und menschenfeindliche Einstellungen in der gesellschaftlichen Mitte fest verankert
Immer mehr Menschen misstrauen der Politik und den Institutionen
In ihrem Vortrag zeichnet Küpper die Entwicklung des heutigen Rechtsrucks nach. Bereits bei den PEGIDA-Protesten ab 2014 sei es zu problematischen Bündnissen zwischen bürgerlichen Milieus und Rechtsextremen gekommen.

Solche Bündnisse hätten sich durch die Corona-Pandemie verfestigt. Maßnahmenkritik und staatsskeptische Proteste hätten erneut Allianzen zwischen „normalen Bürger:innen“ und extrem rechten Akteuren begünstigt.
Diese Entfremdung vom Staat habe sich nach der Pandemie auf andere Krisenthemen wie Inflation, Energiepreise und den Ukrainekrieg übertragen – mit dem Resultat eines wachsenden Misstrauens gegenüber der Politik und den demokratischen Institutionen.
Das Sagbarkeitsfeld wird größer – was ist die „Mitte“?
80 Prozent der Befragten der „Mitte-Studie“ bezeichnen sich selbst als „überzeugte Demokrat:innen“. Auf den ersten Blick ein beruhigender Wert. Doch Küpper relativierte diese Zahl. Denn auch 43 Prozent der Befragten mit rechtsextremen Einstellungen ordnen sich selbst diesem demokratischen Lager zu.

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der „gesellschaftlichen Mitte“. Etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung verorten sich dort. Dies trifft jedoch auch auf 78 Prozent der Personen mit rechtsextremistisch Einstellung zu.
Küpper erklärte dieses Phänomen mit sogenannten Blasenbildungen. Menschen bewegten sich zunehmend in sozialen Räumen, in denen vor allem Gleichgesinnte ihre Ansichten teilten. Die eigenen Überzeugungen würden dadurch zur gefühlten Norm.
Strategien der radikalen Rechte – Der Protest wächst
In der Gesellschaft rege sich aber auch Widerstand gegen diesen Rechtsruck. So seien rund vier Millionen Menschen im Frühjahr 2024 gegen die Remigrationspläne der AfD auf die Straße gegangen. Diese Proteste zeigten ein starkes demokratisches Engagement.

Dabei spiegelten sie jedoch ebenfalls nicht die gesamte Gesellschaft wider. Die Demonstrierenden stammten häufig aus einem eher linksliberalen, gut gebildeten Milieu. Wahlerfolge der AfD und Einschüchterung durch Rechtsextreme sorgten aber zunehmend dafür, das Aktive sich verunsichert fühlten.
Diese nutzten gezielt den sogenannten „vorpolitischen Raum“, um kulturelle Hegemonie zu erlangen. Gemeint seien etwa Engagement in Vereinen, Betrieben, Elterninitiativen oder die gezielte Ansprache über alternative Medien. Ziel dabei sei es, emotionale Bindungen aufzubauen und bewusst Ängste zu schüren. Zentral seien dabei die populistische Narrative: Eine „böse“ politische Elite schade bewusst dem „guten“ Volk.
Vorurteile weit verbreitet – Grauzonen verschwimmen
Die Stimmung im Land ist noch nicht vollständig gekippt. So schätzen rund 80 Prozent der Befragten ihre Lebensqualität als gut ein. unter Anhänger:innen der AfD überwiegt jedoch deutlich die Unzufriedenheit: Mehr als die Hälfte bewertet die regionale Lebensqualität negativ.

Zugleich machte Küpper deutlich, wie verbreitet illiberale und menschenfeindliche Einstellungen sind. So stimmten 27 Prozent der Aussage zu, Deutschland sei „in einem gefährlichen Maß überfremdet“, 22 Prozent bezeichneten Empfänger:innen von Sozialleistungen als „faul“.
Acht Prozent äußerten antisemitische Ressentiments, sieben Prozent bescheinigten dem Nationalsozialismus sogar „gute Seiten“.
Von einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild spricht die Studie erst, wenn bei einer Mindestzahl von Aussagen Zustimmung erfolgte. Dieser Anteil ist im Vergleich zu 2022/23 von 8,3 auf 3,3 Prozent gesunken.
Besorgniserregend bleibt jedoch der stabile Graubereich: Rund 20 Prozent antworten häufig mit „teils/teils“. Sie gelten damit als politisch ambivalent und potenziell anschlussfähig für rechtsextreme Narrative und menschenfeindliche Erzählungen.
Erfahrungen aus der Praxis
Die Anschließende Podiumsdiskussion wird von Katrin Ackermann, einer Referentin der Friedrich-Ebert-Stiftung moderiert. Gegenüber Nordstadtblogger erklärt sie, dass der gesunkene Anteil rechtsextremer Einstellungen kein Grund zur Erleichterung sei. Das gelte mit Blick auf die Kommunalwahl im vergangenen September auch insbesondere auch für Dortmund und die anderen Städte des Ruhrgebiets.

Um dem etwas entgegenzusetzen müsse man sich auf diejenigen konzentrieren, die noch kein gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben. In einer Demokratie sei es die Aufgabe von jedem einzelnen das Wort zu erheben und sich gegen Diskriminierung auszusprechen.
„Von der Übernahme extrem rechter Narrative profitieren am Ende nur ganz Rechts außen. Damit holt man die Mitte nicht zurück“ stellt sie klar.
Sven Eeckhout, Schulsozialarbeiter in Dortmund, berichtete von Versuchen aus dem rechtsextremen Milieu Einfluss an Schulen zu gewinnen. Mittlerweile sei die AfD sehr Erfolgreich dabei, Jugendliche über Social-Media zu erreichen. Die Sozialarbeit versuche hier mit Projekten für Demokratie und Vielfalt entgegenzuwirken.

Johannes Böing vom BVB-Lernzentrum hob die besondere Verantwortung von Sportvereinen hervor. „Wegducken ist keine Option mehr“, betonte Böing. Der BVB setze klare Zeichen gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung. „Bei uns ist Blau eine ganz schwierige Farbe“ stellte er mit einem Augenzwinkern klar.
AWO-Unterbezirks-Geschäftsführer Tim Hammerbacher schilderte, wie soziale Unsicherheit populistische Denkweisen befördert. Menschen, denen es selbst wirtschaftlich schlecht gehe, neigten dazu, ihren Frust auf Geflüchtete oder andere marginalisierte Gruppen zu projizieren. Diese Dynamik mache die soziale Arbeit emotional anspruchsvoll. Neben Empathie sei klare argumentative Haltung gefragt.
„In was für einer Welt wollen wir leben?“ – Demokratie braucht Engagement
In der abschließenden Fragerunde brachte eine Zuhörerin die zentrale Herausforderung auf den Punkt: „Wie können wir die zurückholen?“ Für Küpper gehe es dabei weniger darum, Menschen mit einem gefestigten rechten Weltbild zu erreichen. Diese seien für Argumente kaum noch zugänglich. Vielmehr müsse man die breite demokratische Mehrheit stärken.

Dabei betonte sie die Verantwortung der Wähler:innen: Unzufriedenheit rechtfertige nicht die Öffnung gegenüber menschenfeindlichen Ideologien. Es sei wichtig, die Demokratie nicht „kaputtzureden“, sondern sie aktiv zu gestalten – durch Engagement, Solidarität und Empathie.
Demokratie lebe von Menschen, die sich einbringen stellte sie zum Abschluss heraus. Dafür müssten emotionale Zugänge und Empathie geschaffen werden. Am Ende müsse man sich die Frage stellen: „In was für einer Welt wollen wir leben?“
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Reaktionen
Ulrich Sander, VVN-BdA
Der Protest der Mitte gegen die Neonazis ist in Dortmund schwächer geworden. Er hat sich nach Münster verlagert. Münster war in 2025 gleich dreimal Ziel der Dortmunder Nazis um den „Freundeskreis Siegfried Borchardt“ und „Die Heimat“. Aufhänger für den ersten Nazi-Aufmarsch am 5.07.2025 war eine beim Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster anhängige Klage gegen einen ablehnenden Bescheid der Stadt Dortmund für eine Gedenktafel für den verstorbenen Nazi Siegfried Borchardt. Die Stadt Dortmund verwies auf die für alle geltende Friedhofssatzung für die Friedhöfe der Stadt. Am 5.7., am 19.07. und am 13.09. zogen die Nazis kurze Runden um den Hauptbahnhof von Münster und die anliegende Innenstadt, auf verkürzter Route und gestört vom Protest mehrerer Tausend Menschen, die deutlich machten, dass die Nazis in Münster nicht erwünscht sind. Organisiert hatte die Proteste das Münsteraner Bündnis „Keinen Meter den Nazis“. Eine erneute Demo der Neonazis am 24. (!) Dezember fiel mangels Nazimasse aus. Von Münster lernen heißt siegen lernen? Auf alle Fälle ist festzuhalten: Bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr blieb die AfD unter 5 %. Münster ist die Stadt in Deutschland mit der geringsten AfD-Stimmenzahl. Kurz nach der 2025er Wahl verlor die AfD ihren Fraktionsstatus, da ein neu gewähltes Mitglied die Fraktion verlies. Wäre so etwas in Dormund passiert, hätten OB und Bezirksregierung sich sicher etwas einfallen lassen, um die „Spiegeldbildlichkeit“ zugunsten der AfD herzustellen. Was an dem Bericht über die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in der VHS auffällt sind zwei Dinge: Es wird nicht berichtet, wie sehr die Übernahme von AfD-Positionen zum Beispiel in der Migrationspolitik durch die anderen Parteien mit Ausnahme der LINKEN der AfD hilft und ihr nicht schadet. Zum anderen die Frage: Wann geht es los mit dem AfD-Verbotsverfahren? Alle Zeitungen der Funke-Gruppe machen heute auf mit Schlagzeilen wie „Ruf nach AfD-Verbot wird in NRW lauter – Bündnis von Initiativen, Künstlern und Wissenschaftlern appelliert an Landesregierung, sich für Verfahren einzusetzen“ (WR).
DEWFan
Ulrich Sander: „Von Münster lernen heißt siegen lernen? Auf alle Fälle ist festzuhalten: Bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr blieb die AfD unter 5 %. Münster ist die Stadt in Deutschland mit der geringsten AfD-Stimmenzahl“.
Ja, das stimmt. Aber Münster hat auch ungleich bessere Voraussetzungen als Dortmund oder gar der Rest des Ruhrgebiets:
– Wirtschaftlich stark.
– Für eine Großstadt geringer Migrantenanteil, weniger Migranten lassen sich leichter integrieren.
– Kaum Schrottimmobilien.
– Kaum Armutsmigration aus Südosteuropa – die hohen Mieten tragen sicherlich einen Anteil bei.
Dortmund steht wirtschaftlich schlechter dar als Münster, aber noch deutlich besser als das westliche und nördliche Ruhrgebiet. Und dort sind auch dementsprechend die AfD-Werte deutlich höher als in Dortmund. Die Armutszuwanderung mit den dadurch verursachten Problemen hat auch dazu geführt, dass in Städten wie Duisburg und Gelsenkirchen ein Teil der alteingesessenen Migranten AfD gewählt haben.
Bei uns im Westen gibt es zumindest Korrelationen zwischen der wirtschaftlichen Lage und dem Wahlverhalten.
Im Auftrag Ulrich Sander
Das schrieb ein Freund aus Essen der FR:
Ich habe einmal einen Gedanken des Antifaschisten aus der Resistance Peter Gingold auf die Gefahren der Kriegstüchtigkeit bezogen um-formuliert:
Peter Gingold sagte: „Die Faschisten sind nicht an die Macht gekommen, weil sie stärker waren als ihre Gegner, sondern weil wir uns nicht rechtzeitig zusammengefunden haben. 1933 wäre verhindert worden, wenn alle Hitlergegner die Einheitsfront geschaffen hätten. Dass sie nicht zustande kam, dafür gab es für die Hitlergegner in der Generation meiner Eltern nur eine einzige Entschuldigung: Sie hatten keine Erfahrung, was Faschismus bedeutet, wenn er einmal an der Macht ist. Aber heute haben wir alle die Erfahrung, was Faschismus bedeutet. Für alle künftigen Generationen gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn sie den Faschismus nicht verhindern.“
Was den Faschismus anbelangt bleibt es gültig. Auf die heutigen Kriegsgefahren bezogen greife ich das auf und sage: „Die Generationen vor hundert Jahren hatten noch keine Erfahrung, was ein Krieg im Industriezeitalter ist. Sie kannten keine Flächenbombardements, sie wussten nicht, was Massenvernichtungsmittel sind, und sie hatten keine Immunität gegen die psychologische Kriegsvorbereitung durch Massenmanipulation entwickelt.
Dafür, dass sie die beiden Weltkriege nicht verhindert haben, sondern der Propaganda vom Krieg als Mittel der Schutz des eigenen Lebensraums gefolgt sind, dafür gibt es nur eine einzige Entschuldigung: Sie konnten nicht wissen, dass Krieg im Atomzeitalter die letzte Stunde der Menschheit heraufbeschwören kann.
Aber heute haben wir genug Informationen darüber, was Krieg mit den Tötungstechniken des 21. Jahrhunderts bedeutet. Für unsere Generationen gibt es daher keine Entschuldigung mehr, wenn sie das Risiko eines solchen Infernos, das das letzte der Geschichte werden kann, nicht verhindern.“ – Bernhard Trautvetter 45136 Essen