„Die Mittel für die Kultur müssen eigentlich um 30 Prozent nach oben angepasst werden“

Sprecher:innenrat der Freien Kulturszene Dortmund neu gewählt

Der neue und erweiterte Sprecher:innenrat besteht aus (v.l.) Reihe 1: Nicola van der Wal, Rudolf Preuss und Christoph Rodatz, Reihe 2: Didi Stahlschmidt, Claudia Schenk und Ludwig Juhrich, Reihe 3: Hartmut Salmen, Maxa Zoller und Pia Wojtys. Screen Shot / privat

Die Freie Kulturszene Dortmund hat ihren Sprecher:innenrat neu gewählt. Im Rahmen des großen Netzwerktreffens 2025 haben Vertreter:innen der Sparten Bildende und Darstellende Kunst, Musik, Literatur, Film sowie der Freien Zentren aktuelle Herausforderungen diskutiert, Interessen gebündelt und Forderungen formuliert. Angesichts knapper Kassen sind ein Schulterschluss und eine klare Strategie gefragt.

„Kultur ist leider immer noch eine freiwillige Leistung der Kommunen“

Auf bundes-, landes- und kommunaler Ebene werden Fördergelder für Kunst und Kultur in den kommenden Jahren mitunter stark reduziert. Auch wenn es Dortmund vergleichsweise gut geht – fünf Millionen Euro Fördermitttel gab es 2025 für die Freie Szene – stehen die Kunst- und Kulturschaffenden in Dortmund vor großen Herausforderungen.

Das ehemalige Straßenbahndepot an der Immermannstraße ist nicht nur für die Nordstadt ein wichtiger Kulturort. Foto: Peter Lutz

Claudia Schenk, Geschäftsführerin des Depot vertritt – gemeinsam mit Nicola van der Wal (balou) – im Sprecher:innenrat die Freien Zentren. Sie weiß: „Viele Kommunen in NRW haben aufgrund angespannter Haushaltslagen bereits Kürzungen im Kulturetat vorgenommen. Dortmund war bisher nicht betroffen, aber das könnte sich zukünftig ändern. Kultur ist ja leider immer noch eine freiwillige Leistung der Kommunen.“___STEADY_PAYWALL___

Im Kulturbüro ist man erstmal noch optimistisch: „Im Vergleich zu den meisten Großstädten in NRW, ist es zu keinen Kürzungen im Kulturbereich gekommen. Im Gegenteil, 2026 können sogar circa sechs Millionen Euro vergeben werden“, teilt die Stadt Dortmund auf Anfrage von Nordstadtblogger mit.

Doch selbst wenn die Förderung gleich bliebe – Preissteigerungen zum Beispiel im Bereich von Mieten und Energie erschweren den Macher:innen ihr Angebot ohne Abstriche aufrechtzuerhalten.

„Notwendigkeit, kulturelle Teilhabe in allen Stadtteilen zu sichern“

Da ist zum einen der Beschluss vom Land NRW eine Honoraruntergrenze festzusetzen. Eigentlich eine gute Sache, denn viele Kulturschaffende arbeiten seit Jahren unter dem Mindestlohn, aber woher das Geld nehmen? „Damit das nicht auf Kosten der Anzahl und Vielfalt der Kulturangebote geht, müssen die Mittel für die Kultur eigentlich um 30 Prozent nach oben angepasst werden“, so Schenk.

Didi Stahlschmidt (links) moderiert den Musikstammtisch Foto: Helmut Sommer für Nordstadtblogger.de

Und unabhängig von den Mieten – es fehlt ohnehin an Räumen: „Dortmund hat eine breit aufgestellte, freie Musikszene mit einigen hundert Bands bzw. zahlreichen Singersongwriter:innen“, berichtet Sprecher für die Sparte Musik Didi Stahlschmidt, „aber es fehlen Live-Spielstätten im Segment zwischen 50 und 250 Personenkapazität und vor allem Proberäume.“

Fehlende Infrastruktur ist auch für Pia Wojtys, Geschäftsführerin Dortmunder Künstler*innenhaus, ein zentrales Thema im Bereich Bildende Kunst. Weitere kulturpolitische Herausforderungen sieht sie in „prekären Förderstrukturen und der Notwendigkeit, kulturelle Teilhabe in allen Stadtteilen zu sichern.“ Wojtys ist neu im Sprecher:innenrat und vertritt die Anliegen der Bildenden Kunst zukünftig gemeinsam mit Rudolf Preuss.

Standort auf technischer, künstlerischer und unternehmerischer Ebene weiter stärken

Maxa Zoller im Profil.
Maxa Zoller, Leiterin des Internationalen Frauen Film Fests, vertritt die Sparte Film Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Spartenübergreifend gilt: „Kürzungen führen langfristig zu einem Verlust von Vielfalt und Qualität und können die Innovationskraft der Dortmunder Kunst- und Kulturlandschaft schwächen“, gibt Wojtys zu bedenken.

Einer Kulturlandschaft, die in Sachen Film gerade von sich Reden macht. Maxa Zoller, Leiterin des Internationalen Frauen Film Fests, vertritt die Filmemacher:innen und damit die jüngste Sparte innerhalb der Freien Szene. „Die Vereinsgründung des Freie Szene Film Dortmund e.V. fand erst vor einem Jahr statt“, so Zoller, doch die Ergebnisse könnten sich bereits sehen lassen.

„Jede Menge Workshops, Filmprogramme im Kino im U, Stammtische und vieles mehr zeigen, dass die Zeit für eine Sichtbarmachung von Filmen made in Dortmund überreif war“, bilanziert sie. Es gelte jetzt den Standort auf technischer, künstlerischer und unternehmerischer Ebene weiter zu stärken, um der klassischen Abwanderung Kreativer nach Köln, oder auch Berlin vorzubeugen.

„Gemeinsam eine nachhaltige (!) Kulturstrategie entwickeln“

In dieser schwierigen Situation will sich der neue und erweiterte Sprecher:innenrat für die Kulturschaffenden einsetzen und die Anliegen für alle Sparten der Freien Szene in die Debatte einbringen. Man hofft auf eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit den teilweise neuen Ansprechpartner:innen in Verwaltung und Politik.

Schenk: „Im ersten Schritt geht es uns um Transparenz, Wissenstransfer und Vernetzung.“ Langfristig ist eine Erhöhung der finanziellen Ausstattung für die gesamte Freie Szene das Ziel.

Vernissage im Künstler:innenhaus: Leiterin Pia Woitys (4. v. l.) mit  Künstler:innen Etta Gerdes

„Mein Wunsch ist, dass wir gemeinsam eine nachhaltige (!) Kulturstrategie entwickeln, die nicht nur auf kurzfristige Engpässe reagiert, sondern langfristige Perspektiven schafft“, ergänzt Pia Wojyts. Sie befürchtet, dass ohne klare kulturpolitische Prioritäten wichtige Strukturen verloren gehen könnten. „Umso mehr sehe ich den Sprecher:innenrat als entscheidendes Bindeglied zwischen Politik, Institutionen und Künstlerschaft – und werde mich dafür einsetzen, dass diese Verbindung stark und handlungsfähig bleibt.“

Der neue und erweiterte Sprecher:innenrat besteht aus: Maxa Zoller (Film), Rudolf Preuss und Pia Wojtys (Bildende Kunst), Christoph Rodatz und Ludwig Juhrich (Darstellende Kunst), Didi Stahlschmidt (Musik), Hartmut Salmen (Literatur) sowie Claudia Schenk und Nicola van der Wal (Freie Kulturzentren).


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

 Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Ein Gespräch über die fehlende Sichtbarkeit und Vernetzung von Filmschaffenden im Ruhrgebiet

Die Grenzen sind fließend: Ein Tanz- und Theaterfestival über Leben, Arbeit und die Liebe

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert