Vermögende Menschen lassen Reichtumsgrenzen verschwimmen und verschleiern Ungleichheiten

Eine neue Studie über Reichtum von der TU Dortmund vorgestellt:

Teureres Eigentum am Seeufer
Sommer am Phoenixsee: Ist das Wohnen dort schon ein Zeichen von Reichtum oder Wohlstand? Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Wie entsteht, erhält und vererbt sich Vermögen in Familien – und welche Rolle spielen dabei Herkunft, Netzwerke und Macht? Das sind die Fragen, mit denen sich Soziolog:innen der Technischen Universität Dortmund und dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen drei Jahre lang beschäftigt haben. Vergangene Woche fand nun die Abschlusstagung des qualitativen Forschungsprojekts „Reichtum als soziale Beziehung“ im Dortmunder U statt.

Soziale Fragen müssen neu gedacht und Reiche in den Blick genommen werden

In Deutschland und weltweit steigt das Gefälle zwischen Arm und Reich. Angesichts dessen müssten soziale Probleme und Fragen neu gedacht werden, so Projektleiterin Professorin Nicole Burzan. Noch zu häufig würden Debatten, wie zum Beispiel um die Finanzierung des Sozialstaats, von „unten“ gedacht, das heißt mit dem Blick auf die unteren Gesellschaftsschichten.

Gruppenfoto vom Projektteam
Projektteam aus Dortmund und Göttingen veranstalten Abschlusstagung (v.l.): Marliese Weißmann, Nicole Burzan, Benjamin Neumann. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Auch in der Wissenschaft liegt der Fokus mehrheitlich auf den sozial Schwachen, wodurch die Perspektiven und Lebenswelten von Reichen weitgehend unerforscht bleiben. Dies liegt unter anderem auch daran, dass sich Reiche aus der breiten Gesellschaft zurückziehen und nur selten an Studien teilnehmen. Das qualitative Forschungsprojekt „Reichtum als soziale Beziehung“ soll hier Abhilfe schaffen.

Gerade in Zeiten, in dem der Autoratismus in der westlichen Welt erstarkt, müsse der Blick auf die Reichen fallen, so Burzan, die auch Lehrstuhlinhaberin für Soziale Ungleichheiten an der TU Dortmund ist.  ___STEADY_PAYWALL___

Während die Superreichen mit ihren Yachten einen besonders polarisierenden Teil der Gesellschaft ausmachen, nimmt das Forschungsprojekt dagegen die kleineren“ Reichen in den Blick, die über ein Vermögen im ein bis zweistelligen Millionenbereich verfügen. Im Rahmen des Projekts wurden 21 tiefgehende biographische Interviews geführt.

Großer Reichtum entsteht über Generationen im Kontext von Familie

Die Forscher:innen haben Reichtum dabei nicht als individuelles Merkmal betrachtet. Der Kontext der Familie sei der springende Punkt im Vermögensaufbau und -erhalt. Hierzu wurden die einzelnen Vermögensgeschichten rekonstruiert und Strategien des Erwerbs, Erhalts und der Weitergabe herausgearbeitet. Die Ergebnisse stellte das Projektteam um Professorin Nicole Burzan (Dortmund) und Professor Berthold Vogel (Göttingen) mit den wissenschaftlichen Mitarbeitenden Benjamin Neumann (Dortmund) und Marliese Weißmann (Göttingen) vor. 

Forscher stellt Ergebnisse der Studie vor
Benjamin Neumann und Marliese Weißmann haben die zentralen Ergebnisse der Studie vorgetragen. Foto: Philipp Kadelke

Eines der Ergebnisse der Studie sei, dass sich Reiche nicht auf ihren Reichtum reduzieren lassen wollen, so die Projektmitarbeitenden. Dies äußere sich unterschiedlich. So würden Reiche ihre Kinder nach einer meritokratischen Haltung erziehen, die besagt, dass sich die Kinder unabhängig vom Vermögen ihrer Eltern ein Leben aufbauen sollen.

Des Weiteren würde das Vermögen, so die Studie, in pädagogisch-erzieherischen Absichten auftreten. So würde das ökonomische Kapital in den Familien ganz bewusst zurückgehalten, um den Kindern, neben der Leistungshaltung, Bescheidenheit über das vorhandene Vermögen und in ihrem Lebensstil beizubringen.

Eher würden sich die Eltern zum Ziel machen ihr kulturelles und soziales Kapital an ihre Kinder weiterzugeben als das ökonomische, so Neumann. Die Kinder sollen sich unabhängig vom Vermögen machen, jedoch wohl wissend, dass es vorhanden ist.  

Reiche verschleiern strukturelle Ungleichheiten

Diese Mechanismen haben wiederum zur Folge, dass die gesellschaftliche Verortung der Reichen durch sie selbst bewusst verschoben wird. Neumann und Weißmann benennen dies als „Social Downgrading“, womit sich Reiche von anderen noch Reicheren gesellschaftlich abgrenzen.

Tischdeko zur Abschlusstagung des Reichtumsprojekts
Die Reichtumsstudie wurde für drei Jahre von der Volkswagenstiftung gefördert. Foto: Benjamin Neumann

Die Vermögenden machen sich mit der Mittelschicht gleich und verbergen ihren Reichtum. Was hiermit jedoch vor allem passiert ist, dass sie strukturelle Ungleichheiten verschleiern.

Wenn sich Reiche als „nicht so reich“ titulieren, verschwimmen die Reichtumsgrenzen, die die Bevölkerung bereits deutlich falsch einschätzen, so die Forscher:innen. Der Blick auf die Reichen mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung wird damit umgelenkt. 

Extreme Vermögensungleichheit in Deutschland

In den letzten 25 Jahren hat sich die Vermögensungleichheit in Deutschland verschärft. Während die reichsten zehn Prozent heute 56 bis 64 Prozent des Gesamtvermögens besitzen, sank der Anteil der ärmeren Hälfte von vier auf nur noch 2,5 Prozent.

Logo des Froschungsprojekts
Das Logo des Reichtumsprojekts „Reichtum als soziale Beziehung“

Das oberste ein Prozent der Bevölkerung hält mittlerweile bis zu 25 Prozent des Vermögens – doppelt so viel wie noch in früheren Erhebungen angenommen. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich damit verdoppelt: 1993 war das Vermögen der top zehn Prozent 50-mal höher als das der unteren Hälfte, heute ist es 100-mal so hoch. 

Laut Institut der deutschen Wirtschaft gehören Alleinlebende ab rund 4.400 Euro Nettoeinkommen zu den reichsten zehn Prozent, ab rund 5.780 Euro netto zu den reichsten fünf Prozent. Bezüglich des Nettovermögens gelten Menschen mit einer Million Euro als reich. Dabei zählen Immobilien, Aktien und Sparguthaben.

In Dortmund leben 49 Einkommensmillionär:innen pro 100.000 Einwohner laut Daten der Statistischen Landesämter. Das sind Menschen, die in einem Kalenderjahr Einkünfte von mindestens einer Million Euro erzielen. In Deutschland landet Dortmund damit auf Platz zehn der Städte mit den meisten Einkommensmillionär:innen. Auf Platz eins liegt der Hochtaunuskreis mit 360 auf 100.000 Einwohner:innen.


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