Wohlfahrtsverbände beim Jahresempfang: Austausch auf Augenhöhe und Synergien

Jüdische Kultusgemeinde übernimmt 2026 Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft

Gruppenbild beim Jahresempfang
Jahresempfang der Wohlfahrtsverbände mit Oberbürgermeister Alexander Kalouti, Prof. Ute Fischer, Leonid Chraga, Hannelore Feldmann, Tim Hammerbacher und Frauke Füsers (v.l.n.r.) Anna Tenholt | Nordstadtblogger

Vergangenes Jahr hatte die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflege einen dicken Brocken vor sich: die Rahmenverträge mit der Stadt mussten verhandelt werden. Jetzt blickte der bisherige Sprecher, AWO-Geschäftsführer Tim Hammerbacher, darauf zurück und übergab zum neuen Jahr den Staffelstab an Leonid Chraga und Hannelore Feldmann von der Jüdischen Kultusgemeinde. Sie vertreten nun die Wohlfahrtsverbände in politischen Gremien oder in Verhandlungen mit der Stadt Dortmund.

Grundstein für Zusammenarbeit und Austausch gelegt

Zum dritten Mal luden die Verbände der freien Wohlfahrtspflege aus Dortmund gemeinsam zum Jahresempfang: mehr als 120 Personen kamen im Rathaus in der Bürgerhalle zusammen. Ab jetzt könne man von einer Tradition sprechen, so Moderatorin Christiane Poertgen. In der Arbeitsgemeinschaft setzen sich Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Der Paritätische und die Jüdische Kultusgemeinde gemeinsam für ein soziales Dortmund ein.

Für die Zusammenarbeit und den Austausch sei der „Grundstein gelegt“, resümierte Tim Hammerbacher, Geschäftsführer der AWO in Dortmund, der im vergangenen Jahr die Sprecherrolle inne hatte. ___STEADY_PAYWALL___

 Übergabe des symbolischen „Staffelstabs“
Tim Hammerbacher (AWO) mit Leonid Chraga und Hannelore Feldermann (Jüdische Kultusgemeinde) bei der Übergabe des symbolischen „Staffelstabs“ Cordula Koenen, AWO

Wichtig war ihm, dass jetzt nicht in Frage gestellt werde, was beschlossen wurde: „Alle diese Projekt, die in der Rahmenvereinbarung genannt wurden, sind durch den Rat gegangen. Es war ein zäher Kampf, ein zähes Ringen mit der Verwaltung. Es gab Mehrheitsentscheidungen. Wir dürfen jetzt nicht Gefahr laufen, dass die Dinge, die ein Jahr entwickelt wurden, in Frage gestellt werden. Jetzt gehts an die Umsetzung, Dinge so umzusetzen, wie sie beschlossen wurden“.

In einem Vortrag zur Polarisierung und der Lage der Demokratie wies Professorin Ute Fischer auf die Bedeutung der Sozialwirtschaft hin: „Für die Sozialwirtschaft brauchen wir entsprechende Rahmenbedingungen um professionell handeln zu können. Das hat mit Finanzen zu tun, mit Ausstattung und hat auch damit zu tun, dass Projekte nicht alljährlich neu beantragt werden müssen, sondern weiter ihre Arbeit machen können“, führte Fischer aus.

31 Millionen Euro im Rahmenvertrag zur Verbandsförderung

In seinem Grußwort wies Oberbürgermeister Alexander Kalouti gleichzeitig auf Finanzen und auf die Bedeutsamkeit der Sozialwirtschaft für Dortmund hin. Seine Prognose für 2026 lautete: „leider ein spannendes Jahr. Unsere finanziellen Spielräume werden immer enger“. Soziales sei kein „Nebenbei-Thema“. Die Wohlfahrtsverbände seien unverzichtbar und ein „wichtiger, tragender Pfeiler dieser Stadt“. Vergangenes Jahr wurden die freiwilligen Leistungen der Stadt im Rahmenvertrag zur Verbandsförderung geregelt. 31 Millionen Euro stehen nun pro Jahr zur Verfügung, davon sind 18 Millionen für das Jugendamt eingeplant und 13 Millionen für das Gesundheits- und Sozialamt.

Oberbürgermeister Kalouti mit der Moderatorin
2026 werde „leider ein spannendes Jahr“, so Oberbürgermeister Kalouti. Anna Tenholt | Nordstadtblogger

Soziale Arbeit sei eine Investition in Stabilität, Teilhabe und Zusammenhalt – „das ist kein Selbstläufer“. Er sprach sich gegen einen „Dauerzustand der Abhängigkeit“ aus. Unterstützung müsse Perspektiven eröffnen für „Teilhabe, Verantwortung, Arbeit, Eigenständigkeit“.

„Ich weiß, das ist kein einfacher Anspruch. Er verlangt Geduld, Professionalität und manchmal klare Ansagen, klare Erwartungen. Daran entscheidet sich, ob unsere sozialen System ihren Anspruch, ihre Arbeit wirklich erfüllen“.

 

Gäste beim Jahresempfang im Rathaus
Gäste beim Jahresempfang im Rathaus: Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, der Paritätische und die Jüdische Kultusgemeinde arbeiten in der AG zusammen Anna Tenholt | Nordstadtblogger

Arbeit mit Menschen in existenziellen Nöten

Sozialdezernentin Frauke Füsers, die im November 2025 ihre Arbeit begann, lobte die vorhandene Struktur in Dortmund. Sie habe gemerkt, die Arbeit hier sei „gut abgestimmt“, dies finde sie „wirklich bewundernswert“. Das kenne sie aus „keiner anderen Stadt“ und sei ungeduldig, die Angebote , die sie vom Papier kenne „auch mal kennenzulernen“. Ihr gehe es um das „Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des sozialen Staates“, vor allem in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen wie die Bürgergeldreform und kontroverse Diskussionen über den Sozialstaat. Füsers plädierte für die klare Priorisierung: „Die Integration in Arbeit, die wir als Ziel am Ende haben, die geht nicht, wenn man existenzielle Nöte hat“. Das müsse erstmal stehen.

Auch Moderatorin Christiane Poertgen bezog sich im Gespräch mit dem Oberbürgermeister Alexander Kalouti auf Wohnungslosigkeit: „Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit, mit diesen Begriffen haben Sie auch Ihren Wahlkampf geprägt. Menschen nehmen auch aktuell wahr, dass mehr Ordnungskräfte tagsüber in der Stadt sind. Menschen, die am Existenzminimum leben oder suchtkrank sind, merken natürlich auch, dass da etwas passiert. Die haben auch Sehnsucht nach Ordnung, Sauberkeit und ganz bestimmt Wärme im Moment“.

Cordula Koenen, AWO

Professorin Ute Fischer, Fachhochschule Dortmund, setzte beim Vortrag einen thematischen Schwerpunkt. Zur Lage der Demokratie erklärte sie: „Natürlich brauchen wir politische Lösungen. Die Themen, die bedeutsam sind, sind globale Themen, wo eine Kommune nicht wirklich etwas lösen kann.“

Und weiter: „Aber: Kommune ist der Ort der konkreten Erfahrung. Wenn ich in der Kommune die Erfahrung machen kann, hier wird wirklich um gute Lösungen gerungen. Ich werde nicht übersehen, nur weil ich kein Dach über dem Kopf habe, sondern ich werde hier ernstgenommen. Dann kann sich etwas verändern im Gefühl des Zusammenhalts. Die Kommune ist der zentrale Ort um andere Erfahrungen zu stiften.“

Miteinander verbunden: Ordnung, wirtschaftliche Stärke und soziale Stabilität

Kalouti wünschte sich einen klaren, einen transparenten Austausch. Das erlebe er als gelebte Praxis. Man solle sich immer neu überlegen, ob Maßnahmen in Anbetracht der Mittel, die wir einsetzen, erfolgreich seien. „Ich glaube, dass unsere Stadt nur dann weiterkommt, wenn wir offen miteinander kommunizieren, wenn wir ehrlich miteinander kommunizieren und wenn wir uns erlauben, manchmal neu zu denken“.

Verwaltung, Politik, Wohlfahrtsverbände, Unternehmen und Zivilgesellschaft müssten an einem Strang ziehen und er freue sich auf den Austausch. „Es wird klar, dass sich die großen Themen für unsere Stadt wie Sicherheit, wie Ordnung, wirtschaftliche Stärke und soziale Stabilität nicht voneinander trennen lassen. Alles ist miteinander verwoben.“ Dortmund stehe für Vielfalt, aber auch für „Vielfalt, die zu einer neuen Einheit wird“.

Füsers berichtete von ihren bisherigen Erfahrungen: „Wir haben es geschafft, Unterstützung zu generieren, zusammen mit der Wohlfahrt“. Beispielsweise bei der Zuwanderung aus Südosteuropa. Es gehe darum, Doppelstrukturen zu vermeiden und Synergieeffekte zu entfalten. „Wir sind ganz gut unterwegs. Das klappt nur, wenn wir es gemeinsam machen.“

Erfolgreiche Zusammenarbeit im sozialen Bereich

So sah es auch Hammerbacher: „Wir sind wirklich in diesem Jahr eng zusammengerückt, wir haben soziale Verantwortung übernommen. Wir haben Aufgabenbereiche gemeinsam gedacht und gemeinsam verhandelt, das ist uns sehr gut gelungen. Besonders zum Beispiel mit dem Blick auf offene Jugendarbeit, da wurden viele Angebote ausgebaut, wenn es um Kinder und Jugendliche geht“. Den Austausch mit der Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft, Britta Gövert, werde er vermissen.

Zwei Personen im Gespräch mit der Moderatorin
Das neue Sprecherteam: Leonid Chraga und Hannelore Feldermann mit Moderatorin Christiane Poertgen Anna Tenholt | Nordstadtblogger

„Begegnung auf Augenhöhe, so haben wir es beim allerersten Termin wahrgenommen und so hoffen wir, dass es weitergeht“, berichtete Leonid Chraga von der Jüdischen Kultusgemeinde (JKGD) bei der Übergabe des „Staffelstabs“. Hannelore Feldermann und Leonid Chraga wiesen daraufhin, dass sie als vergleichweise kleiner Träger eng mit den anderen Träger zusammenarbeiten würden.

Das neue Sprecherteam benannte mit dem Thema Altersarmut und Armut bei Kindern einen Fokus ihrer Arbeit. Die meisten Gemeindemitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde seien im Rentenalter, ihre Renten lägen unter der Höhe der Grundsicherung. „Menschen, die von Armut betroffen sind, ziehen sich aus dem Diskurs zurück“, so Feldermann. Das mache es zu einer Herausforderung, die Situation zu sehen und zu benennen.


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