
Um sich als Ermittler:innen-Team in die Krimiherzen von eingefleischten Tatort-Fans zu spielen, verfolgt jedes seine ganz eigene Strategie. Münster hat Klamauk, Wien menschliche Fehlbarkeit und Köln rheinische Männlichkeit. Den Dortmunder Tatort kennzeichnet aber vor allem, was er nicht ist. Zum Beispiel ist die Reihe durch ihren Mangel an Leichtigkeit bekannt. Lacher wirken zynisch; Gespräche sind oft einsame Einbahnstraßen und Begegnungen mit Hauptkommissar Faber bedeuten, passivaggressive Verbalsalven über sich ergehen lassen. Bei all den kommunikativen Fehlleistungen gerät die eigentliche Investigative oft in den Hintergrund.
Emotionale Belastungsgrenze auf die Spitze getrieben
Mit der Episode „Schmerz“ treiben Regisseur Torsten C. Fischer und Autor Jürgen Werner die emotionale Belastungsgrenze auf die Spitze. Die Folge ist ein düsteres Zerwürfnis aus transgenerationalen Traumata, alten Rechnungen und der schmerzhaften Erkenntnis, dass die Vergangenheit nur verdrängt, aber niemals wirklich verarbeitet werden kann.
Die Reihe im Allgemeinen, aber diese Episode im Besonderen wirkt weit weniger wie ein emotionaler Meilenstein, aber dafür eher wie ein weiterer Versuch, endlich eine erfolgreiche Exit-Strategie für die Mordermittler aus Dortmund gefunden zu haben. Aber beginnen wir am Anfang.
Die Geister der 90er Jahre
Der Plot führt das Team tief in die blutige Geschichte der Jugoslawienkriege. Was im Dortmunder Rotlichtmilieu als vermeintlicher Bandenkrieg beginnt, entpuppt sich schnell als politisches Minenfeld. Ein unter falscher Identität lebender Kriegsverbrecher wird ermordet – ein Racheakt, der eine Kette von Gewalt auslöst.

Das Thema ist nicht neu für die Reihe, wirkt hier aber durch die persönliche Verwobenheit mit der Figur der Dienststellenleiterin Ira Klasnić (Alessija Lause) beklemmend aktuell.
Mit dem Titel „Schmerz“ stellt die Episode dessen unbequeme Allgegenwärtigkeit infrage: Wie viel Gerechtigkeit verträgt der Frieden? Dabei verliert sich das Drehbuch aber überwiegend in seiner eigenen Schwere, was den Krimi-Plot phasenweise fast zum Stillstand bringt.
Das Spiel: Intensität bis zur Schmerzgrenze
Schauspielerisch ist die Folge ein nur schwer zu ertragender Kraftakt. In ihrem Abschiedsfall liefert die Österreicherin Stefanie Reinsperger mit ihrer Figur der Rosa Herzog eine furiose Performance. Ihr Spiel ist physisch, fast schmerzhaft mitanzusehen, während ihre Figur zwischen professioneller Distanz und emotionalem Kollaps schwankt.
Obwohl Peter Faber (Jörg Hartmann) immer wieder auch zurückgenommen agiert, bleibt er der nervige Nörgler, was den eigentlich weiblichen Fokus der Episode oft unnötig stört. Dennoch lenkt der Dortmunder Tatort mit „Schmerz“ einen erfrischenden Blick auf die Stärke der Frauen im Team.
Diese neue, fast pädagogische Sanftheit wird zum Kryptonit für die oft so erratischen Provokationen des Hauptkommissars Peter Faber. Der Gastauftritt von Stefan Konarske als der erfolgreich entflohene LKA-Beamte Daniel Kossik bringt eine nostalgische Note ein, die jedoch die Exitstrategie des Teams eher hervorhebt als besänftigt.
Einordnung in die Reihe: Das Ende einer Ära?
„Schmerz“ markiert eine Zäsur für Dortmund. Nach dem Ausstieg von Martina Bönisch und Jan Pawlak in den Vorjahren bricht mit dem Weggang von Rosa Herzog nun die letzte sympathietragende Konstante weg. Welche Emotionen die Autoren dem Publikum mit der Figur Faber zumuten, ist oft rätselhaft. Denn seine depressive Antihaltung erregt selten Mitgefühl und auch um als verschrobener Antiheld durchzugehen, reicht es nicht wirklich.
Die horizontale Erzählweise von slow-burn, d.h. einer sich langsam entwickelnden Charakterentwicklung, die einst das Markenzeichen des Dortmunder Tatorts war, droht in „Schmerz“ zur Last zu werden. Die Folge setzt eine wesentliche Kenntnis der vorangegangenen Fälle voraus.
Für Gelegenheitszuschauer wirkt das Geflecht aus Klasnićs korruptionsverdächtiger Vergangenheit und Fabers melancholischer Miesepetrigkeit oft überfrachtet. Zudem wirkt das Motiv des „Rächers aus der Vergangenheit“ innerhalb der Reihe mittlerweile leicht abgenutzt. Fabers impulsive Angestrengtheit wirft ein ebenso unglückliches Licht auf die Dortmunder Kulisse, die oft gebrochen und jeglicher Farbe beraubt erscheint.
Fazit
„Schmerz“ ist kein klassischer Whodunit, sondern ein schweres Psychodrama im Krimi-Gewand. Die Episode ist handwerklich brillant und schauspielerisch auf hohem Niveau. Allerdings lässt „Schmerz“ sein Publikum mit einer deprimierenden Leere zurück, die beklemmend wehtut. Dortmund bleibt der Darkroom des Tatorts – konsequent, düster, aber manchmal auch ein wenig zu verliebt in das eigene Leid.
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