Der „Dirigent von Dortmund“ tritt ab: Kämmerer Jörg Stüdemann wird groß verabschiedet

Mehr als zwei Jahrzehnte stand er im Dienst der Stadt Dortmund

Jörg Stüdemann hat nichts über seinen großen Ausstand auf dem Friedensplatz geahnt. Leopold Achilles für Nordstadtblogger

Am letzten Tag seiner offiziellen Amtszeit erwartet Jörg Stüdemann, Stadtirektor, Kämmerer und dienstältester Dezernent der Stadt Dortmund, ein ganz besonderer Termin. Mitarbeiter:innen der Stadt, von der Feuerwehr über die Stadtreinigung und das Ordnungsamt bis hin zu Vertreter:innen des Theater Dortmund – alle haben sie sich am Dienstag (31. März 2026) um 12 Uhr auf dem Friedensplatz versammelt, um Jörg Stüdemann in den Ruhestand zu verabschieden. Und der blieb bis zuletzt völlig ahnungslos.

Die große Verabschiedungs-Aktion zeigt Wertschätzung

Die Wertschätzung Dortmunds für ihren Stadtdirektor ist auch in den Minuten, bevor Stüdemann selbst den Friedensplatz betritt, spürbar. „Die Größe dieser Veranstaltung ist genau angemessen“, sagt ein Beamter des Ordnungsamts. Eine Frau erinnert daran, wie Stüdemann sich für das Dortmunder Theater eingesetzt hat: „Er hat dafür gekämpft, dass wir ein solches Theater haben.“

Viele Menschen, darunter Bekannte, Familie, Freund:innen und Mitarbeiter:innen der Stadt haben Stüdemann empfangen. Leopold Achilles für Nordstadtblogger

Dann tritt der 69-Jährige auf den Friedensplatz. Zur Überraschung gibt es ein Hupkonzert, gefolgt von einem eigens für ihn komponierten Lied. „Der Dirigent von Dortmund“, heißt es darin, „vom Konzerthaus bis zum Dortmunder U, Oper, Theater, die Junge Bühne dazu.“ Die Zeilen spiegeln wider, was Stüdemann in über zwei Jahrzehnten für die Stadt Dortmund, besonders für die Kulturszene, bewegt hat. Als das Lied endet, bleibt er sichtlich gerührt zurück. Und ihm fehlen erst einmal die Worte. Ein schönes Bild – dem langjährigen Kümmerer und Kämmerer der Stadt Dortmund, fällt zum Ende seiner Amtszeit „nichts mehr ein“.

Stüdemann war in seinen 26 Jahren Dienstzeit Dezernent für viele unterschiedliche Bereiche, Stadtdirektor und Stadtkämmerer. Leopold Achilles für Nordstadtblogger

„Ich danke euch riesig, ihr seid unglaublich. In der Zusammenarbeit und in eurer Freundschaft wart ihr unglaublich – aber so eine Nummer hier“, sagt er lachend und erstaunt zu der Menge.

Direkt hat er Ordnungsdezernent Norbert Dahmen und Baudezernent Arnulf Rybicki in Verdacht die Aktion organisiert zu haben. „Das habt ihr zu verantworten. Das ist nur begrenzt zulässig, aber es ist eine künstlerische Inszenierung und deswegen kann man nichts dagegen machen, das ist eindeutig Kunst“, ruft er in städtischer Verwaltungs-Manier mit einem Augenzwinkern aus. ___STEADY_PAYWALL___

Auf die Nachfrage, ob er mit der großen Aktion auf dem Friedensplatz gerechnet hat, sagt Stüdemann: „Nein, gar nicht, überhaupt nicht. Keiner hat mir was gesagt. Völlig abgedreht. Ich bin glücklich ohne Ende. Jetzt kann ich mich ganz ruhig verabschieden.“

Vor 26 Jahren hat er als Kulturdezernent begonnen

Jörg Stüdemann begann seine Laufbahn bei der Stadt Dortmund im Jahr 2000 als Kulturdezernent. Im Jahr 2010 übernahm er zusätzlich die Verantwortung für die städtischen Finanzen als Stadtkämmerer und wurde gleichzeitig zum Stadtdirektor gewählt.

Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, Ordnungsamt und Müllentsorgung haben Stüdemann ein Hupkonzert beschert. Leopold Achilles für Nordstadtblogger

Bereits letzte Woche hat der Stadtdirektor ein letztes Mal am Treffen des Verwaltungsvorstands teilgenommen. In der Pressekonferenz danach findet Oberbürgermeister Alexander Kalouti große Worte für ihn. „Eine Ära geht zu Ende – und das ist mit Sicherheit nicht untertrieben“, sagte er. Ihm sei es in seiner Zeit als Kämmerer stets gelungen, trotz finanzieller Herausforderungen stets einen Haushalt vorzulegen – ohne jemals in die Haushaltssicherung rutschen zu müssen.

„Er hat die Stadt handlungsfähig gemacht und die Kulturstadt Dortmund groß gemacht“, betonte Kalouti. Das Konzerthaus Dortmund, dessen Bühne in der „Championsleague“ der Kulturinstitutionen spiele, sei nur ein Beispiel für Stüdemanns Erbe. Auch das Theater Dortmund und die Junge Bühne stehen für seinen Einsatz, stellte Kalouti heraus. Der Oberbürgermeister sprach ihm seine „große Hochachtung“ aus und betonte: „die ganze Stadt bedankt sich bei Ihnen“.

Stüdemann betont die Gemeinschaftsleistung und die tolle Zusammenarbeit in Dortmund

Für Stüdemann ist es stets eine „Gemeinschaftsleistung gewesen“. In der Pressekonferenz des Verwaltungsvorstands dankte er den Mitarbeitenden der Stadt, der Ratspolitik und vor allem den Ehrenamtlichen, die sich in Kultur, Sport und Soziales einbringen. „Dortmund hat eine wunderbare Atmosphäre dafür“, sagte er. „Man kann partnerschaftlich und kollegial Dinge entwickeln. Das hat man nicht in jeder Stadt.“ Diese Haltung, der „westfälische Geist“ und die Mentalität des Fußballs – „Niederlagen sind dazu da, um sich zu schütteln, wieder aufzustehen und weiter zu rennen“ – hätten ihn geprägt. Er hofft, dass diese Einstellung die Stadt auch in Zukunft tragen wird.

So kann er sich in den Ruhestand verabschieden, sagt Stüdemann. Leopold Achilles für Nordstadtb

Die Ratssitzungen wird Stüdemann vermissen, vor allem die „Zankereien“ in den Ausschüssen, um „den besten Weg“ herauszufinden. „Dienstagsmorgens zur Zeit des Verwaltungsvorstands werde ich in depressive Verstimmungen fallen“, scherzte er. Mit gewissem Ernst in der Stimme sagte er, dass er in den Ratssitzungen eine zunehmende Polarisierung wahrnimmt, die zu aggressiven Stimmungen geführt hat. Fehlen wird ihm das ausdrücklich nicht.

„Wenn es atmosphärisch entgleitet, ist es manchmal schmerzhaft, es kostet viel Zeit, bringt den Bürgern gar nichts und beschädigt die Leute untereinander.“ Stüdemann möchte sich in Zukunft aus dem Rathaus rausziehen und freut sich auf mehr Zeit für die freie Kulturszene.

Er wünscht seinen Nachfolger als Stadtkämmerer Thorsten Bunte „Mut und Optimismus“. Die Haushaltsprobleme der Kommunen seien strukturell, sagte er. „Die Städte brauchen endlich eine verlässliche Gemeindefinanzierung.“ Es könne nicht sein, dass Gemeinden immer bis zur Insolvenz arbeiten.

Auf die Frage, wovon der zukünftige Kämmerer lieber ablassen sollte, sagte Stüdemann, dass die Beträge der Jugend- Sport- oder Kulturförderung zu klein sind, als dass man mit dortigen Sparmaßnahmen das Haushaltsloch füllen könne. Ein solches Vorgehen bewirke finanziell fast nichts, löse aber eine „unglaubliche Menge an Ärger, Verzweiflung und Frustration“ in der Stadtgesellschaft aus. Stattdessen solle man die Zeit und Energie „lieber in andere Lösungen investieren“, um die Finanzen der Stadt nachhaltig zu ordnen.

Durch Stüdemanns Ruhestand werden Dezernate neu strukturiert

Stüdemanns berufliche Wurzeln liegen im Ruhrgebiet – und doch führt ein entscheidender Abschnitt seiner Laufbahn zunächst weg von dort. Als er Essen 1992 verlässt, zieht es Jörg Stüdemann bewusst in den Osten. In Dresden und Sachsen findet er ein Umfeld im Umbruch und nutzt die Spielräume.

Stadtdirektor Jörg Stüdemann hatte im letzten Jahr als Kämmerer seinen letzten Haushalt eingebracht. Foto: Helmut Sommer für Nordstadtblogger.de

Er übernimmt das Kulturhaus der Pentacon-Werke, ein Haus nach sowjetischem Vorbild. Stüdemann baut die Strukturen um, entwickelt neue Konzepte und richtet das Haus neu aus. Aus der praktischen Arbeit vor Ort wird so 1994 als Bürgermeister (Beigeordneter) für Kultur, Sport und Jugend der Landeshauptstadt Dresden der Einstieg in eine kommunalpolitische Laufbahn, die ihn im Jahr 2000 zurück ins Ruhrgebiet führen wird.

Mit Stüdemanns Ruhestand endet nicht nur eine Ära, sondern auch eine Struktur. Nach zwei Verlängerungen seiner Amtszeit beendet der langjährige Dezernent nun seine Tätigkeit in der Stadtverwaltung und geht Ende März in den Ruhestand. Mit seinem Ausscheiden wird die Struktur der Dezernate neu geordnet.

Ein eigenständiges Kulturdezernat soll es künftig nicht mehr geben. Stattdessen wird der Kulturbereich in das Dezernat von Oberbürgermeister Kalouti integriert. Stüdemann wünscht Kalouti als neuen Kulturdezernent, „dass er so kulturbesessen bleibt, wie er schon ist.“

Stüdemann: „Glück auf, Dortmund!“

Als neuer Stadtkämmerer wird Thorsten Bunte, derzeitiger Kämmerer von Wuppertal, Stüdemann im Amt beerben. Bis zur Übernahme, voraussichtlich im Sommer, übernimmt Ordnungsdezernent Norbert Dahmen kommissarisch die Verantwortung für das Finanzressort.

Stüdemanns Amt als Stadtdirektor wird Christian Uhr zum 1. April übernehmen. In dieser Funktion wird er künftig den Oberbürgermeister in allen Verwaltungsangelegenheiten vertreten.

Jörg Stüdemann bleibt auf dem Friedensplatz nur eines zu wünschen: „Glück auf, Dortmund!“


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