
Wir haben nur die eine Erde, und die muss für alle reichen! Mehr denn je kommt es darauf an, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen verantwortlich und solidarisch umzugehen. Der Dortmunder „Weltacker“ führt das anschaulich vor.
Ein neuer Lernort in Dortmund
Es ist ein typischer April-Tag mit einem Wechsel aus Regen und Sonnenschein. Auf dem Schultenhof, einem Biobetrieb inmitten der Bolmke, einem großen Naturschutzgebiet im Süden Dortmunds, treffe ich Katharina Hieber. Sie ist Projektkoordinatorin für den Weltacker. Dieser neue Lernort wird hier zukünftig die Land- und Gartenwirtschaft ergänzen.
Es ist nunmehr rund zehn Jahr her, als die „Zukunftsstiftung Landwirtschaft“ der GLS-Bank im Rahmen der IGA in Berlin-Marzahn einen ersten derartigen Lernort initiierte. Menschen sollten anschaulich sehen und erleben können, dass sich der persönliche Konsum landwirtschaftlicher Erzeugnisse in einem begrenzten Rahmen ereignet. Auf die Erde als Lebensraum hat jeder Mensch ein gleiches Anrecht, aber die Beanspruchung der natürlichen Ressourcen fällt global tatsächlich sehr unterschiedlich aus. Das wird einem zukünftig nun auch in Dortmund buchstäblich vor Augen geführt.
Was einst als Einzelprojekt in Berlin begann, verbreitete sich seither. Ein internationales Netzwerk entstand und an verschiedenen Orten wurde die Idee adaptiert. So auch durch den „Ernährungsrat Dortmund und Region e. V.“. Vom Schultenhof konnte die benötigte Fläche gepachtet werden. Förderungen durch das europäische Forschungs- und Innovationsprogramm „Horizon Europe” im Rahmen des Projekts „REDESIGN” ermöglichen das Engagement für Umsetzung und Betrieb, und am 26. April ist es dann soweit: Der Weltacker in Dortmund wird mit einem ganztägigen, bunten Festprogramm seiner Bestimmung übergeben!
Begrenzte Ressourcen und Verteilungsungerechtigkeit
Die Landfläche der Erde umfasst etwa 13,4 Milliarden Hektar (etwa 26 Prozent der Gesamtoberfläche von 51 Milliarden Hektar), wovon 3,3 Milliarden Hektar Weideland und 1,5 Milliarden Hektar Ackerland sind. Das bedeutet, dass für den Anbau unserer gesamten pflanzlichen Nahrung nur 3 Prozent der Erdoberfläche zur Verfügung stehen.

Ganz konkret entspricht das einem Weltacker, mit einem begrenzten Anteil von etwa 2000 qm für jeden derzeit lebenden Menschen. Tatsächlich nutzen wir in Deutschland aber pro Kopf 2700 qm, davon etwa ein Viertel im Ausland. Unüberlegte, überzogene Ernährungsweisen (u.a. bedingt durch einen zu hohen Fleischanteil) führen zu diesem wesentlich größeren Verbrauch. Insgesamt werden hierzulande pro Jahr und Mensch 679 kg Nahrungsmittel (als Lebensmittel, Biosprit usw.) konsumiert. Das lässt andere Menschen darben und schließlich sogar an Hunger sterben. Um die Ungleichverteilung und Übernutzung natürlicher Ressourcen zu durchbrechen, müssten sich der Lebensmittelmarkt und die Ernährungsgewohnheiten verändern. Es kommt auf weniger Fleisch und Produkte aus ökologischem Anbau an. Weil das Marktgeschehen aber globalisiert und hochkomplex geworden ist, entpuppt sich das Notwendige als veritables Problem.
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Katharina Hieber ist überzeugt, dass eine wirksame Bildungsarbeit ein geeigneter Lösungsansatz ist. „Die weltweiten Probleme sind zwar groß, aber nichts tun bringt nichts“, sagt sie, „und der Weltacker macht den Menschen bewusst worum es geht.“ Dafür werden Kontakte zu diversen Projektpartner:innen geknüpft. Die Gesamtschule in Brünninghausen ist bereits dabei. In der Bauernhof AG haben Schüler:innen zu allen 45 Kulturen des Weltacker schon mal Schilder gemalt. Zukünftig werden die Unterrichtsinhalte durch Besuche des Weltacker anschaulich und praktisch ergänzt. Es geht um ein vernünftiges Verhältnis zur Natur und zur Ernährung. Mit der Arbeit am entsprechenden Bewusstsein kann nicht früh genug begonnen werden, denn so werden komplexe Zusammenhänge vom Alltag aus durchschaubar.
Der Lebensmittelmarkt
Der Umsatzwert vom globalen Lebensmittelmarkt liegt derzeit bei 8,61 Billionen USD (bei einem jährlichen Wachstum von 6 Prozent), was in etwa einer Vervierfachung vom landwirtschaftlichen Produktionswert entspricht. Der Anteil von Biolebensmitteln (inklusive der biodynamischen) darin liegt bei 231 Milliarden USD (2,68 Prozent).

In Deutschland umfasst der Lebensmittelmarkt ein Umsatzvolumen von 250 Milliarden Euro, worin mit einem kleinen Anteil auch die biologisch (17 Milliarden = 6,6 Prozent) und biodynamisch (1 Milliarde = 0,4 Prozent) angebauten Lebensmittel enthalten sind. Sowohl im Weltmarkt wie auch in Deutschland stammen die allermeisten Lebensmittel also aus konventionellem, nicht ökologischem Anbau.
Wie sich angesichts des geringen Bio-Anteils am Gesamtumsatz vermuten lässt, hat die Qualität der Nahrungsmittel im 20. Jahrhundert allgemein abgenommen. Das wiederum führte vor allem in den Ländern des globalen Nordens zu einer mittlerweile bedenklichen Zunahme von Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten. Gründe dafür sind die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, veränderte Lebensstile mit weniger Bewegung und die Verfügbarkeit von hochverarbeiteten Lebensmitteln, die oft reich an Zucker, Salz und ungesunden Fetten sind.
Industrialisierte Landwirtschaft
Etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt (47,4 Prozent oder 16,9 Millionen Hektar). Aber während ein Landwirt vor einhundert Jahren noch Lebensmittel für vier weitere Personen erzeugte, sind es heutzutage bereits etwa 150. Die Industrialisierung der Landwirtschaft schreitet voran, denn nur noch neun Prozent der Betriebe bewirtschaften 52 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. Betriebe, die weniger als 75 Hektar umfassen, gelten im allgemeinen als nicht mehr konkurrenzfähig. Die Zunahme der Produktivität ist enorm. Man gewinnt schnell den Eindruck, dass so etwas den Interessen des Lebens zuwider läuft.

Hinzu kommt der ökologische Fußabdruck, der sich aus der gesamten Lebensart, nicht nur aus dem Verbrauch von Lebensmitteln, ergibt und aus dem Verhältnis zur gesamten Landfläche der Erde errechnet wird. Insofern lassen sich jedem Menschen rund 1,8 globale Hektar zurechnen, wobei der durchschnittliche Fußabdruck eines in Deutschland lebenden Menschen aber bei 4,72 globalen Hektar liegt.
Die Erde ist durch die Lebensart der Menschen überlastet, ein Umdenken und eine Veränderung mancher Gewohnheiten ist dringend geboten. Diese Botschaft gilt es, niederschwellig und anschaulich zu vermitteln. Dazu liefert der Dortmunder Weltacker einen wichtigen Beitrag, der nicht nur nachdenklich machen will, sondern auch zu ökologisch ausgewogenem Handeln anregt.
Mehr Informationen:
- Alles zum weltweiten Weltacker-Netzwerk gibt es unter: www.2000m2.eu/de.
- Bildungsangebote vom Ernährungsrat Dortmund und Region e. V.: ernaehrungsrat-dortmund.de/projekte/weltacker.
- Programm zur Eröffnung des Weltacker in Dortmund: ernaehrungsrat-dortmund.de/weltacker-eroeffnung.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

