Mehr als nur ein Baukörper: Kreativer Abschied von der Hauptpost zwischen Gedenken und Protest

POST.ABRISS plant neue Aktion am 21. März zur Chemnitzer Straße

Aktion der Initiative POST.ABRISS: Einer von vielen Abschiedsbriefen an die alte Hauptpost. Wenn Gebäude verschwinden, geht auch immer ein Stück Identität verloren, finden die Aktivist:innen. Am 21. März planen sie weitere Aktionen in der Chemnitzer Straße. Fynn D'Ortona

Die Hauptpost auf der Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofs – wie oft haben Sie da ein Paket abgeholt, eine Briefmarke gekauft oder Geld abgehoben? Vorbei, denn auf dem Bahndamm und dem ehemaligen Güterbahnhof sind Neubauten geplant. POST.ABRISS bedauern das und machen sich mit kreativen Aktionen für nachhaltige Stadtplanung, Architektur und Erinnerungskultur stark. Bei den Housing Days am 21. März planen sie weitere Aktionen in der Chemnitzer Straße.

Kreative Aktionen für eine nachhaltige Stadtplanung

Die Entwicklung des nördlichen Bahnhofsumfelds ist ein wichtiges Zukunftsprojekt der Stadt, das den Bereich City und Nordstadt maßgeblich prägen wird. In Verbindung mit dem Umbau der Verkehrsstation durch die Deutsche Bahn soll auf der Nordseite des Hauptbahnhofs ein neues urbanes Stadtquartier entstehen. Mit überplant wird auch das Gelände, auf dem die Post/DHL bisher einen wichtigen Standort hatte.

Die Initiative POST.ABRISS bei ihrem Aktionstag vor der Hauptpost Fynn D'Ortona

POST.ABRISS bedauern das. POST.ABRISS? Dahinter steckt eine Gruppe von Menschen, die sich Ende letzten Jahres zusammengefunden haben, weil ihnen aufgefallen ist, wie viele Gebäude in Dortmund abgerissen werden und wie wenig darüber eigentlich gesprochen wird.

Mit kreativen und auch kontroversen Aktionen möchten sie darüber mit anderen Menschen ins Gespräch kommen und Alternativen aufzuzeigen.

Architektur ist „Teil kollektiver Erinnerung und gebundener Ressourcen“

Rund 70 Menschen beteiligten sich bereits an der ersten Aktion, um sich vom Gebäude der Hauptpost zu verabschieden. Unter dem Motto „Abschiedsbriefe an die Post“ schrieben Passant:innen persönliche Nachrichten an das Gebäude. Es entstanden rund 50 handgeschriebene Briefe.___STEADY_PAYWALL___

Aktion der Initiative POST.ABRISS: Ein Briefkasten für die Abschiedsgrüße der Passant:innen Fynn D'Ortona

„Viele der Beteiligten verbanden mit dem Gebäude eigene Erinnerungen – an das Warten in der Schlange, das Abholen von Paketen aus der alten Heimat oder das Richten der Haare in der Spiegelung der Scheiben auf dem Weg zum Bahnhof“, erzählt Johanna Winkler von POST.ABRISS. Auch der Wegfall der Post- und Postbank-Filialen als zentrale Anlaufstellen sorge bei einigen Menschen für Bedauern.

Andere nutzten die Gelegenheit, um ihr Unverständnis darüber zu äußern, dass so ein identitätsprägendes Gebäude an solch einer zentralen Stelle ohne breitere öffentliche Debatte verschwindet: „Liebe Post, als markanter Eingang in die Nordstadt begleitest du mich seit ich hier wohne und ich sehe dich teilweise fast jeden Tag. Schade, dass du gehen musst, ohne, dass man es mitbekommt.“, war auf einer der Karten zu lesen.

Die Aktion sollte dem Gebäude einen würdigen Abschied bereiten und zugleich auf die Bedeutung solcher Orte für die Stadt aufmerksam machen. Mit seinem Abriss gehe nicht nur ein Stück Architektur verloren, sondern auch ein Teil kollektiver Erinnerung und gebundener Ressourcen, so die Aktivist:innen. Gerade vor dem Hintergrund von Klimakrise und Bauwende stelle sich die Frage, warum der Erhalt und die Umnutzung eines grade mal 35 Jahre alten Gebäudes nicht konsequenter geprüft werde, heißt es in der Pressemeldung der Gruppe.

„Stadtentwicklung braucht mehr Transparenz, mehr Diskussion und mehr Mut zum Erhalt“

Und es geht um mehr: „Der Abriss des Postgebäudes steht beispielhaft für einen Umgang mit dem baulichen Bestand in Dortmund und dem Ruhrgebiet, der weder die Identität des Ortes noch die ökologischen Folgen ausreichend berücksichtigt. Stadtentwicklung braucht mehr Transparenz, mehr Diskussion und mehr Mut zum Erhalt.“, findet Johanna Winkler. „Der Abriss mag formal beschlossen sein, aber er sollte Anlass für uns sein, grundsätzlich über unseren Umgang mit dem baulichen Bestand nachzudenken.“

Aktion der Initiative POST.ABRISS: Abschiedsbriefe an die alte Hauptpost Fynn D'Ortona

Die Aktion verstand sich daher nicht nur als Abschied, sondern auch als Impuls für eine breitere Diskussion über Umbaukultur, Ressourcenschonung und demokratische Beteiligung bei stadtbildprägenden Entscheidungen.

Bereits erfolgte oder drohende Abrisse wie der Sparkassenturm, die Universitätsbibliothek der TU oder die Wohnhäuser in der Chemnitzer Straße verdeutlichen, dass es sich bei der Hauptpost nicht um eine Einzelfall handelt.

Am Samstag (21. März)  werden POST.ABRISS daher beim „Housing Action Day“ in der Chemnitzer Straße dabei sein. Zwischen 11 und 16 Uhr können wieder Postkarten geschrieben werden. Außerdem wollen sie Information zu weiteren Gebäuden zusammentragen, die abgerissen werden oder bereits verschwunden sind.

Winkler: „Mit dem Postgebäude verschwindet ein Stück Stadt. Die Frage, wie viele solcher Orte wir noch verlieren wollen, bleibt offen.“


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