„Konfliktzone“ im Schauspiel Dortmund thematisierte Freiheit und Polarisierung

Journalistin Gilda Sahebi und Morderatorin Anna Dushime im Gespräch:

Anna Dushime und Gilda Sahebi diskutierten bei der vergangenen „Konfliktzone“ im Schauspiel Dortmund. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Freiheit ist nie selbstverständlich: Das zeigte das Dialogformat „Konfliktzone“ im Schauspiel Dortmund. Moderatorin Anna Dushime und Journalistin Gilda Sahebi diskutierten über die Frage, wo die eigene Freiheit endet und die anderer beginnt. Dabei ging es um Selbstzensur, den Einfluss sozialer Medien, Polarisierung in der Gesellschaft und die Rolle des Journalismus bei der Kontrolle von Macht.

Die Frage nach der Freiheit: Wo sie beginnt und wo sie endet

Das Dialogformat „Konfliktzone“ ging im Schauspiel Dortmund in eine weitere Runde. Unter der Moderation von Anna Dushime sprach sie mit der Journalistin und Autorin Gilda Sahebi über die zentrale Frage des Formats: Wo endet meine Freiheit, wo beginnt deine? Passend dazu stellte Dushime gleich zu Beginn die Frage, ob die Freiheit aktuell in Gefahr sei. „Freiheit ist immer in Gefahr, egal wie es läuft“, antwortete Sahebi.

Intendantin des Schauspiels, Julia Wissert, auf der Bühne.
Intendantin des Schauspiels, Julia Wissert, eröffnete die Veranstaltung. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Zur Verdeutlichung erzählte sie von einem Gespräch im Zug mit einer ihr fremden Iranerin, die Sahebi erkannt habe. Sowohl im Iran als auch hier in Deutschland herrsche politisches Chaos, wie im Gespräch deutlich wurde.

Jetzt lebe die Frau in einem Land, in dem sie nicht einmal wisse, wie es ihren Kindern gehen werde und ob diese tatsächlich frei sein könnten, erzählte Sahebi vom Gespräch. Das hänge auch damit zusammen, „weil sie nicht im Sinne von manchen Leuten deutsch sind oder dazugehören“. Für jede Person bedeute Freiheit etwas anderes, betonte die Journalistin dabei.

Auf die Frage, ob Freiheit unterschiedlich definiert werde, je nachdem, wo man steht, sagte Sahebi, dass Freiheit im Iran schon bedeute, auf die Straße gehen zu können, ohne erschossen zu werden. Hier in Deutschland habe sie dagegen im vergangenen Jahr gemerkt, dass sie als Journalistin „gar nicht so frei ist, wie sie behaupte“. Zwar könne sie alles sagen, müsse aber mit Konsequenzen leben und sei gleichzeitig auf Medien angewiesen. Dadurch entstehe der Eindruck, dass bestimmte Ansichten eher Platz bekämen als andere, ohne dass ihre Freiheit formal beschnitten werde.

Zwischen Selbstzensur und Ausdruck auf sozialen Netzwerken

Wie lässt sich mit diesem Druck umgehen? Führe er zu Selbstzensur oder eher zu einem „Jetzt-erst-recht“-Impuls? Dushime schwanke oft und traue sich manchmal nicht, sich vollständig zu bestimmten Themen zu äußern, wie sie im Gespräch offenbarte.

Anna Dushime auf der Bühne.
Anna Dushime, in Kigali geboren und international aufgewachsen, ist Autorin, Moderatorin und Creative Director. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Dieses Gefühl mache sie wütend, weil sie sich feige fühle, obwohl sie objektiv betrachtet eigentlich sicher sei. „Ich würde das nicht als feige sehen“, widersprach Sahebi und betonte, dass es klug sei, zu überlegen, wo die eigene Wirkung am größten sei.

Es gebe Menschen, „denen wird nie etwas passieren, egal was sie sagen. Das kann man nicht als Mut werten.“ Es gehe vielmehr darum, bewusst zu entscheiden, wann und wie man sich äußert.

Häufig erlebe Sahebi eine Erwartungshaltung in sozialen Medien, sich ständig zu allen möglichen Themen äußern zu sollen.

Dazu komme Kritik darüber, was sie für berichtenswert halte und was nicht. „Dieses Projizieren auf eine Person führt zur Polarisierung“, sagte Sahebi. „Jede Form von Überhöhung unterstützt letztlich die Stärkeren, die Autoritären.“

Social Media dient als „Tool der Polarisierungsunternehmer“

Dabei werden besonders auf sozialen Netzwerken bestimmte Themen von Menschen zur Selbstinszenierung genutzt, wie Dushime erzählt. „Ich empfinde Social Media unterm Strich schon eher als etwas Positives in der Art und Weise, wie es vernetzt oder vielen Menschen eine Stimme gibt. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass es gar nicht mehr um die Inhalte geht, sondern nur um die dahinterstehende Person.“

Gilda Sahebi auf der Bühne.
Gilda Sahebi ist Journalistin und Autorin. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Sahebi stimmte zu und erklärte, soziale Medien dienten zunehmend als Werkzeuge sogenannter „Polarisierungsunternehmer“.

Polarisierungsunternehmer, dessen Begriff Steffen Mau geprägt hat, seien Menschen, die „von Polarisierung profitieren in Form von Macht, Geld und Aufmerksamkeit“, so Sahebi.

Auf diese Weise entstehe das Gefühl, es gebe nur noch zwei Seiten. „Es gibt jedoch keine Seiten“, betonte Sahebi. Anhand des Verhältnisses zwischen Iran und Israel erläuterte die Journalistin, wie künstlich solche Gegensätze oft seien.

Vor 1979 hätten beide Länder ein gutes Verhältnis gehabt, danach nicht mehr. Doch es sei nie so gewesen, dass 90 Millionen Iraner plötzlich Juden gehasst hätten. „Würde man Arbeiter aus beiden Ländern nebeneinanderstellen, würden sie sich nicht bekämpfen“, so Sahebi. „Erst Machtstrukturen erzeugen Hass.“

Das Sylt-Video als Beispiel dafür, wie öffentliche Wut projiziert

Als Beispiel dessen zogen Sahebi und Dushime das sogenannte „Sylt-Video“ heran. Dabei geht es um einen Vorfall an Pfingsten 2024 vor der Bar „Pony“ in Kampen. Eine Gruppe junger Menschen sang dort zum Lied „L’amour toujours“ rassistische Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ und zeigte den Hitlergruß.

Blick aus dem Publikum heraus.
Zahlreiche Menschen besuchten das Dialogformat im Schauspiel Dortmund. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Das Video verbreitete sich schnell und sorgte bundesweit für Empörung. Die im Video gezeigten Personen waren daraufhin massiven Angriffen im Internet ausgesetzt: persönliche Daten wurden ohne Einverständnis veröffentlicht.

Es folgten Beschimpfungen und sogar die Entlassung einer Beteiligten. „Ich verstehe die Emotionen dahinter, und ich finde, sie sollten ausgedrückt werden“, sagte Sahebi. Dennoch liege das eigentliche Problem laut der Journalistin tiefer.

Parallel zu diesem Vorfall forderten Parteien wie CDU/CSU, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft auszubürgern.

„Das ist wirklich Nazizeit, wenn Menschen einfach ‚ausgebürgert‘ werden“, kritisierte Sahebi scharf. Politiker:innen und Personen des öffentlichen Lebens hätten sich hingegen fast ausschließlich auf das Video selbst konzentriert und dessen Schlimmheit kommentiert.

„Dabei wird die eigene Verantwortung abgegeben und die Wut auf andere projiziert. Es ist eine Dynamik, die sich wiederholt“, erläuterte Sahebi.

Sahebi über die Relevanz von Polarisierung:  „Ohne Wut gibt es keinen Fortschritt“

Häufig sei im öffentlichen Diskurs davon die Rede, dass die Gesellschaft gespalten sei. Für Sahebi sei das jedoch eine verkürzte Sichtweise. Unterschiede in Meinungen, Prägungen oder Wünschen gehörten zu jeder demokratischen Gesellschaft dazu, wie sie erklärte. Vielmehr unterscheide sie zwischen herkömmlicher Polarisierung, die wichtig für Fortschritt sei, und affektiver Polarisierung, die emotionale Gruppendynamiken beschreibt.

Buch von Gilda Sahebi „Verbinden statt Spalten“.
In ihrem Buch „Verbinden statt Spalten“ beleuchtet Sahebi Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung. H. Sommer für Nordstadtblogger

Diese äußere sich, wenn Gruppen die eigene Position bevorzugten und gleichzeitig die andere ablehnten oder ablehnend bewerteten. Dabei gehe es weniger um sachliche Unterschiede, sondern darum, wie die Mitglieder der jeweils anderen Gruppe emotional eingeschätzt würden, etwa als unsympathisch, gefährlich oder moralisch minderwertig.

„Es ist wichtig, dass wir in Gruppen denken und ein Gruppengefühl haben. Das kann auch etwas Schönes sein“, so Sahebi. Problematisch werde es aus ihrer Sicht, wenn dieses Zugehörigkeitsgefühl politisch instrumentalisiert werde.

Besonders Machtstrukturen profitierten von solchen Polarisierungen, erklärte sie weiter. Als Beispiel nannte sie die Diskussion über Vermögensungleichheit: Trotz hoher Ungleichheit in Deutschland liege der Fokus medial auf Bürgergeldempfänger:innen. Viele Erzählungen über „Totalverweigerer“ seien politisch konstruiert. „Es ist, als würde man mit Trichtern durch die Welt laufen: Wir nehmen nur das wahr, was in unsere eigenen Geschichten passt“, betonte sie.

Die Funktion des Journalismus: Informationsbereitstellung oder Machtkontrolle?

Welche Rolle der Journalismus dabei spielt, erklärte Sahebi anhand eines Gesprächs, das sie mit einem anderen Journalisten über die grundsätzliche Aufgabe des Journalismus führte.

Gilda Sahebi im Diskurs auf der Bühne.
Laut Sahebi dient Journalismus in erster Linie zur Machtkontrolle. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Dabei rückte besonders die Journalistin Julia Ruhs in den Blick. Ruhs, die vor allem für den Bayerischen Rundfunk und die ARD-Sendung „Klar – Was Deutschland bewegt“ arbeitet, sollte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine „konservative Stimme“ vertreten.

Dies habe heftige Reaktionen ausgelöst, die von Lob aus konservativen Kreisen bis zu scharfer Kritik reichten, dass sie Vereinfachungen und rechte Narrative bediene.

Für Sahebi sei Ruhs eine Polarisierungsunternehmerin. Besonders die Folge „Migration: Was falsch läuft“ reiht nach ihrer Einschätzung jede „Wir gegen die“-Erzählung nacheinander auf.

„Das ist keine Machtkritik, sondern das Nachsprechen rechter Narrative“, führte Sahebi aus. Für Sahebi liegt die zentrale Funktion von Journalismus darin, Macht zu kontrollieren. Deshalb müssten Journalist:innen Machtstrukturen und insbesondere Personen in Machtpositionen kritisch hinterfragen.

„Der Wahrheit näherkommen heißt, die eigene Position kennen“

Zum Schluss ging es um die Frage nach Objektivität im Journalismus. Häufig werde Neutralität mit Unemotionalität verwechselt, sagte Sahebi. „Das setzt voraus, dass Menschen rationale Wesen seien, was sie nicht sind“, so Sahebi. „Auf dieselben Fakten können alle Menschen kommen und jeder hat eine andere Realität“, so Sahebi.

Anna Dushime und Gilda Sahebi umarmend auf der Bühne.
Anna Dushime war es angesichts der aktuellen Lage und Sahebis eigener Erfahrungen wichtig, das Thema Iran in der Diskussion gezielt anzusprechen. Foto: Jonas Fromme / Schauspiel Dortmund

Auf dieselben Fakten können alle Menschen kommen und jeder hat eine andere Realität“, so Sahebi.„Ich komme der Wahrheit aber am nächsten, wenn ich meine eigene Position kenne. Wenn ich es nicht weiß, projeziere ich beispielsweise meine Sicht in Texte hinein. Die Wahrheit liegt immer näher in der Differenzierung und nicht in der Polarisierung. Ich kann aber nur Dinge differenziert sehen, wenn ich meine Emotionen kenne.“

Als Beispiel nannte Sahebi die aktuelle Lage im Iran. Ende 2025 seien erneut Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das Regime zu protestieren.

Viele seien getötet oder verhaftet worden. Oft werde ihr vorgeworfen, als Betroffene – sie selbst ist im Iran geboren – nicht objektiv berichten zu können.

Doch gerade ihre Nähe helfe ihr, die eigenen Emotionen einzuordnen. „Besonders da kenne ich meine Emotionen sehr gut“, sagte sie. „Deswegen kann ich es klar sehen und beschreiben.“


 

Unterstütze uns auf Steady

 Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Anna Dushime als neue Stimme für die Reihe „Konfliktzone“ am Schauspiel Dortmund

„Systemfehler“-Podcast: Wie steht es um die Spaltung der Gesellschaft, Ute Fischer?

 

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert