„Systemfehler“-Podcast mit Therapeutin Ingrid Israel: Mehr Druck, mehr Einsamkeit, mehr Krisen?

Ingrid Israel vom Krisenzentrum Dortmund im Gespräch

Die Psychotherapeutin Ingrid Israel, stellvertretende Leiterin des Krisenzentrums Dortmund, war im Nordstadtblogger-Podcast „Systemfehler“ zu Gast. Das Angebot des Krisenzentrums stellt zwar eine regionale Besonderheit dar, die allgemeine psychotherapeutische Versorgung ist jedoch durch extreme Wartezeiten und finanzielle Kürzungen stark belastet. Im Gespräch thematisiert Israel zudem die steigende Offenheit junger Menschen gegenüber psychischen Diagnosen, die anhaltende Gefahr der Einsamkeit und den hohen Männeranteil bei Suiziden.

Gestiegenes Bewusstsein und weniger Tabus im Umgang mit Diagnosen

Vor allem unter jungen Menschen hat sich der Umgang mit psychischer Gesundheit deutlich verändert: Im Gespräch mit Nordstadtblogger berichtet Ingrid Israel über ein gestiegenes Bewusstsein und weniger Tabus im Umgang mit Diagnosen. Im Gegensatz zu früher sind junge Menschen heute sehr offen, was psychische Erkrankungen angeht. Sie kommen aktiv auf Fachleute zu und fragen beispielsweise gezielt nach einer Abklärung für ADHS, weil eine Diagnose für sie eine „riesige Entlastung“ darstelle.

Israel kommentiert dies mit den Worten: „Das ist auch genau gut so“. Diese niedrige Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen und offen über Probleme zu sprechen, ist laut Israel genau das, was durch Aufklärungsarbeit erreicht werden sollte. Sie bezeichnet diese Entwicklung als „super“ für die Suizidprävention. Das Team des Krisenzentrums bearbeitet jährlich etwa 600 Fälle, sieht sich aber mit einer deutlich höheren Nachfrage von bis zu 1500 Anfragen konfrontiert. Trotz einer formal guten Grundversorgung in Dortmund herrscht in der Realität ein massiver Mangel an Therapieplätzen, der sich in Wartezeiten von 18 Monaten bis zu zwei Jahren äußert. ___STEADY_PAYWALL___

Menschen in suizidalen Krisen, klassischen Lebenskrisen (Trennung, Tod, Krankheit) oder mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten, Traumata oder Burnout erhalten nach einer telefonischen Kontaktaufnahme meist innerhalb von zwei bis fünf Werktagen einen Termin. Dabei handelt es sich um eine zeitlich begrenzte Krisenintervention (ca. ein bis 15 Termine), die der Stabilisierung und der Anbahnung weiterführender Hilfen dient, jedoch keine Langzeit-Psychotherapie ersetzt.

Suizidpräventionsgesetz liegt auf Eis – Männer überdurchschnittlich betroffen

Die Forderung nach besseren Hilfen, so Israel, „die ist mir ein bisschen zu schwach“. In der vorherigen Koalition habe es Gespräche dazu gegeben: „Da ist mal ansatzweise über das Suizidpräventionsgesetz berichtet worden. Dazu gibt es aber bisher nur einen Referentenentwurf, der ist in vielen Punkten meiner Meinung nach noch recht schwammig oder auch zu kurz gegriffen und mittlerweile auf Eis gelegt“. Geplant war auch die Einführung einer bundeseinheitlichen Notrufnummer für psychische Krisen, die 113.

Zusätzlich betonte Israel, dass Investitionen in die psychische Gesundheit, wie etwa zusätzliche Kassensitze, zwar zunächst Geld kosten, langfristig jedoch Folgekosten verhindern würden. „Es gibt gute Konzepte, aber das muss man halt auch dann wollen. Also, nicht die Behandler, das muss man politisch wollen. Ja, irgendjemand muss es bezahlen.“ Aus England kämen gute Ideen: „Da kann man sich unter Umständen über einen Arzt einen Kochkurs verschreiben lassen. Nicht nur um kochen zu lernen, sondern vor allem auch um aus der Einsamkeit rauszukommen“, erklärt Israel.

„Das Suizidrisiko habe vor allem damit zu tun, hat ganz ganz ganz viel damit zu tun, ob man eine Bindung zu anderen Menschen hat, also ob man Freunde hat, ob man irgendwo integriert ist oder nicht. Also je isolierter, desto größer ist das Risiko“. An einem Suizid sterben überwiegend Männer: „In der Regel haben wir fast dreiviertel Männer und ein Viertel Frauen. Das liegt daran, dass Männer die tödlicheren Methoden wählen. Das liegt aber auch daran, dass Männer wesentlich zurückhaltender sind, wenn es um Hilfe geht oder darum, sich mitzuteilen.“

Aufsuchende Modelle, telefonische Erreichbarkeit und Prävention von Suiziden

Als „optimalen“ Krisendienst nannte sie aufsuchende Modelle in Zusammenarbeit mit der Polizei und einen telefonischen Notdienst. Diese Modelle dienen laut Israel dazu, die „Decke“, die in der deutschen Regelversorgung oft zu kurz ist, zu strecken und Menschen in Krisen nicht allein zu lassen. „Es gibt zum Beispiel in Hamburg einen Krisennotdienst, der ist nicht 24/7 erreichbar, aber so außerhalb der typischen Öffnungszeiten, also gerne spät nachmittags, abends am Wochenende und da sitzen dann Fachleute am anderen Ende des Telefons sozusagen und können angerufen werden“.

Typische Fragen oder Gedanken von Betroffenen beschreibt sie so: „Mir geht’s gerade total schlecht. Gehe ich in die Klinik, gehe ich nicht in die Klinik? Ich habe Suizidgedanken oder mein Angehöriger hat Suizidgedanken. Wie sehr muss ich das ernst nehmen? Was mache ich jetzt? Oder ich bin gerade total verzweifelt, ich brauche mal jemand, der mir hilft, meine Gedanken zu sortieren oder sowas“.

Sie kritisiert die fehlende langfristige Finanzierung für wichtige Präventionsprojekte in Dortmund wie die Mailberatung „U25“. Präventionsprojekte wie Krisentelefone oder aufsuchende Hilfen sollten langfristig sichergestellt werden. Im Podcast gibt sie auch wertvolle Ratschläge für Angehörige, wie diese durch direktes Ansprechen und die Begleitung zu professionellen Stellen Unterstützung leisten können: „Also erstmal ansprechen, wahrnehmen, sich nicht scheuen. Also wirklich dem Drachen ins Auge schauen und dann auch versuchen, am Ball zu bleiben, also sagen: Okay, komm, lass uns Hilfe suchen und ich bin bei dir.“

 

 

Links und Adressen zum Krisenzentrum:

Mehr Informationen

Mut und Hilfen für Betroffene:

Online:

Telefonisch:

  • TelefonSeelsorge (24/7 erreichbar): 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
  • Silbernetz (täglich 8-22 Uhr für Menschen ab 60): 0800 470 80 90.
  • Plaudernetz (Malteser): 0800 330 1111 (Anonyme Gespräche).
  • Nummer gegen Kummer (Kinder & Jugendliche): 116 111 (Mo–Sa 14–20 Uhr).
  • Elterntelefon: 0800 111 0 550.

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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