
Das Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ ruft am 4. April 2026 zu einem besonderen Gedenken auf. 20 Jahre ist es her, seitdem Mehmet Kubaşık vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in seinem Kiosk auf der Mallinckrodtstraße ermordet wurde. Zum Gedenken an Mehmet Kubaşık organisiert das Bündnis zum 14. Mal einen Tag der Solidarität.
Die Familie von Mehmet Kubaşık fordert weiterhin vollständige Aufklärung der Taten
Ausgehend von Kubaşıks ehemaligen Kiosk führt ein Demozug hin zum Mahnmal der Opfer des NSU am Nordausgang des Hauptbahnhofs. Dort findet im Anschluss eine Kundgebung statt, auf der unter anderem seine Tochter Gamze Kubaşık sprechen wird.

Auch nach 20 Jahren kann es für die Familie Kubaşık keinen Schlussstrich unter den Verbrechen des NSU geben. Das wird immer wieder in den Forderungen der Familie deutlich. Sie kämpfen weiterhin für die Aufklärung des Mordes an ihrem Ehemann und Vater. Warum musste gerade Mehmet Kubaşık sterben? Und wer half dem NSU den Mord in Dortmund zu begehen?
Zentrale Fragen, auf die es bis heute keine Antworten gibt, weil Polizei und Sicherheitsbehörden die NSU-Mordserie an migrantischen Männern jahrelang nicht ernst genug nahmen und die Hinweise auf rechten Terror in Deutschland missachteten. Das zeigen die Aufarbeitungen der zahlreichen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse der letzten Jahre. ___STEADY_PAYWALL___
„Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ setzt sich für eine Erinnerungskultur ein
Das Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ unterstützt die Familie Kubaşık und organisiert Gedenkveranstaltungen, um gegen das Vergessen von Mehmet Kubaşık und der Taten des NSU vorzugehen.

Ali Şirin, Sprecher des Bündnisses, macht die Forderungen der Familie deutlich: „Sie möchten, dass die NSU-Akten freigegeben werden und dass die Helfershelfer auch hier in Dortmund ermittelt werden, denn die laufen nach wie vor frei herum.“
Der NSU war ein Netzwerk an Neonazis, das seit 1998 infolge einer misslungenen Festnahme durch die Polizei abtauchte und von da an aus dem Untergrund heraus agierte. In den Jahren 2000 bis 2007 ermordete das NSU-Kerntrio um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe acht türkisch stämmige Männer, einen griechisch stämmigen Mann und eine Polizistin.
„Ich behalte ihn in schöner Erinnerung, und dafür bin ich ihm auch dankbar“
Jahrelang ermittelten die Sicherheitsbehörden in die falsche Richtung, gingen einem Generalverdacht nach, der sich ausschließlich gegen die Opfer und ihr Umfeld richtete, und verfolgten die Spuren in die Nazi-Szene nicht.

Gamze Kubaşık hat sich dem Erinnern an ihren Vater verschrieben. Ihren Vater beschreibt sie als sehr fleißigen Menschen, der seine Kinder geliebt, geschätzt und das offen gezeigt habe. „Er war sehr beliebt und bekannt durch seinen Kiosk, gerade unter Jugendlichen, weil er gerne mal etwas ausgab.
Ich behalte ihn in schöner Erinnerung, und dafür bin ich ihm auch dankbar“, sagte Gamze Kubaşık im Dietrich-Keuning-Haus letztes Jahr im September.
Die Angehörige der Opfer unterstützen sich gegenseitig und bleiben in Kontakt
Gemeinsam mit anderen Angehörigen der NSU-Opfer hat sie vor drei Jahren ein Netzwerk gegründet. Mit Semiya Şimşek, der Tochter des ersten NSU-Opfer Enver Şimşek, hat Gamze Kubaşık ein Buch über die Geschichte ihrer Väter geschrieben, um die Erinnerung besonders bei der jüngeren Generation aufrechtzuerhalten.

Mehmet Kubaşık ist Anfang der 90er Jahre mit seiner Frau Elif und seiner Tochter Gamze nach Dortmund gekommen. Die Türkei haben sie aufgrund von politischen Gründen verlassen. In Dortmund haben er und seine Familie ein Zuhause gefunden – seine beiden jüngeren Kinder sind hier geboren. Kubaşık war Teil des Lebens in der Dortmunder Nordstadt.
Vor Gericht sagte seine Tochter damals aus, dass wenn sie mit ihrem Vater früher zusammen draußen gewesen seien, habe sie immer das Gefühl gehabt, dass fast ganz Dortmund ihn kennt. 2004 eröffnet er seinen Kiosk in der Mallinckrodtstraße, der aufgrund der kleinen Größe, laut Gamze Kubaşık, eher eine Trinkhalle gewesen ist.
Polizeiliche Ermittlungen waren von Einseitigkeit und einem Generalverdacht der Opfer geprägt
Warum der NSU Mehmet Kubaşık als Opfer auswählte, ist bislang nicht aufgeklärt worden. Die mutmaßliche Mittäterschaft der Nazi-Szene in Dortmund wurde nicht hinreichend ermittelt. Der institutionelle Rassismus in der Polizei führte dazu, dass viele Beamte mit Scheuklappen der Einseitigkeit durch die Ermittlungen gingen.

Jedoch liegt der Verdacht nahe, dass es weitere Gründe für ein Missachten der Spuren in die Nazi-Szene gab. Fest steht: Die Taten des NSU sind nicht gänzlich aufgeklärt, Akten werden mit dem Verweis auf Quellenschutz nicht freigegeben und Zeugen berufen sich auf Erinnerungslücken.
Erst durch die Selbstenttarnung durch den NSU im November 2011 wurde die Mordserie als rechten Terror erkannt. Obwohl die Familien der Angehörigen bereits Jahre zuvor ein rechtsextremes Motiv vermutet haben.
Die Familie von Mehmet Kubaşık litt stark unter den Ermittlungen
Die Täter-Opfer-Umkehr hatte große Auswirkungen für die Angehörigen. Ihr soziales Ansehen wurde geschädigt, die Kinder von Mehmet Kubaşık wurden in der Schule gemieden und Gamze Kubaşık erzählte, sie habe lang nicht das Haus verlassen können. Ihre Mutter sei infolge des Stresses und der sozialen Auswirkungen erkrankt. „Die Ermittler haben die Ehre meines Vaters kaputtgemacht. Sie haben ihn damit zum zweiten Mal ermordet“, heißt es von Gamze Kubaşık auf der Website des Bündnisses.
Der Tag der Solidarität 2026 erinnert an Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Weitere Infos:
- Der Tag der Solidarität beginnt am Samstag (4. April) um 15 Uhr an der Mallinckrodtstraße 190.
- Von dort führt der Demozug zum Nordausgang des Hauptbahnhofs, wo die Kundgebung stattfinden wird.
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