Gewerkschaften fordern konstruktiven Dialog: „Wollen wir nur reagieren oder gestalten?“

Neujahrsempfang des DGB Dortmund-Hellweg in Dorstfeld

Blicken auf eine gemeinsame Vergangenheit beim Theater Dortmund zurück: Bärbel Sumagang und Alexander Kalouti. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Beim Neujahrsempfang des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Region Dortmund-Hellweg diskutierten Gewerkschafter:innen und Vertreter:innen aus Politik, Betrieben und Zivilgesellschaft über soziale Sicherheit, den wirtschaftlichen Wandel und die Rolle des Sozialstaats. Neben der Bedeutung des Dialogs machten die Gewerkschaften deutlich, welche Erwartungen sie an Politik und Verwaltung richten.

Neujahrsempfang auf einem ehemaligen Zechengelände

Der Neujahrsempfang des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Region Dortmund-Hellweg 2026 fand in der Bürgerhalle Pulsschlag in Dortmund-Dorstfeld statt, einem umfunktionierten ehemaligen Zechengelände, das die industrielle Geschichte der Stadt symbolisch widerspiegelt.

Freundlicher Applaus für die DGB-Vorsitzende – eher zurückhaltend wurde die Rede von OB Kalouti bedacht. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Die Veranstaltung bot Vertreter:innen aus Politik, Betrieben, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Beschäftigten und Gewerkschaften Gelegenheit zum Austausch und markierte den Auftakt für ein herausforderndes Jahr.

Im Mittelpunkt standen die bevorstehenden Entscheidungen der Stadt, darunter eine mögliche Haushaltssperre und die geplante Neuordnung finanzieller Prioritäten

Sumagang: „Der Sozialstaat ist das Fundament unserer Demokratie“

Eingeleitet wird der Abend von Bärbel Sumagang, Geschäftsführerin der DGB-Region Dortmund-Hellweg. Zu Beginn ihrer Rede macht sie deutlich, dass die Gewerkschaften in die anstehenden politischen Entscheidungen eingebunden werden wollen. „Wollen wir nur reagieren oder wollen wir gestalten?“, fragt sie die Versammelten. Gegenüber Politik und Wirtschaft wolle man selbstbewusst auftreten, um die Interessen der arbeitenden Bevölkerung wirksam zu vertreten.

Bärbel Sumagang ist seit 2025 Geschäftsführerin der DGB-Region Dortmund-Hellweg. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

„Der Sozialstaat ist das Fundament unserer Demokratie“, betont Sumagang. Bildung, Solidarität und gute Arbeitsplätze kämen am Ende allen Menschen zugute. Deshalb sei es notwendig, dass die demokratische Mehrheit parteiübergreifend konstruktive Lösungen für die aktuellen Herausforderungen entwickle. Dafür seien mitunter harte Verhandlungen und Kompromisse erforderlich.

Ohne kritische Worte zur aktuellen Debatte auf Bundesebene will Sumagang ihre Rede nicht beenden. Angriffe auf den Sozialstaat seien Angriffe auf die Grundpfeiler der Demokratie. Wer das Recht auf Teilzeit, den Acht-Stunden-Tag oder den Kündigungsschutz infrage stelle, gefährde Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für diese Worte erhält sie lauten Applaus von den Versammelten.

Trotz schwieriger Haushaltssperre – Bildung soll priorisiert werden

In seiner Rede lobt Oberbürgermeister Kalouti den Einsatz der Gewerkschaften für Arbeitnehmer:innenrechte, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ehrlichkeit und Klarheit gehörten zur DNA des DGB. Deshalb sei er zuversichtlich, dass sich die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen gemeinsam bewältigen ließen. Voraussetzung dafür sei jedoch, alle Menschen gleichermaßen mitzunehmen. Einseitige oder alarmistische Debatten müssten vermieden werden, da sie den sozialen Frieden gefährdeten.

Für Dortmunds neuen Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) war der Besuch beim DGB nicht gerade ein Heimspiel. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Arbeit habe in Dortmund schon immer eine besondere Bedeutung gehabt, betont Kalouti. Sie gehe über den reinen Broterwerb hinaus, stifte Identifikation und fördere den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch für die Integration spiele sie eine zentrale Rolle. Den bisherigen Strukturwandel habe die Stadt insgesamt gut gemeistert.

Entsprechend zuversichtlich zeigt sich der Oberbürgermeister, dass auch kommende Transformationsprozesse erfolgreich gestaltet werden könnten.

Zum Abschluss geht Kalouti auf die angespannte Haushaltslage der Stadt ein. Eine mögliche Haushaltssperre werde allen Beteiligten schwierige Entscheidungen abverlangen. Gleichzeitig verspricht er, Bildung, Forschung und Ausbildung weiterhin eine besondere Priorität einzuräumen.

Gewerkschafter:innen formulieren Erwartung: „Unser Ansatz ist der Betrieb“

Oliver Kolberg, stv. ver.di-Geschäftsführer Foto: Helmut Sommer für Nordstadtblogger.de

Oliver Kolberg von ver.di zeigt sich zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Entscheidend sei nun, dass die Arbeit der Beschäftigten auch praktisch wertgeschätzt werde. Mit Blick auf kommende Tarifverhandlungen fordert er ein ernsthaftes Engagement der Stadtspitze. Ritualisierte Floskeln reichten nicht aus.

„Unser Ansatzpunkt ist der Betrieb. Und dort merkt man nicht, dass es zu Problemen kommt“, betont Oliver Kolberg. Auf Bundesebene werde medial ein künstliches Problem konstruiert. In der betrieblichen Realität seien Modelle wie Teilzeitarbeit vielerorts längst gelebte Praxis.

Ulrike Hölter (IG Metall) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Ulrike Hölter von der IG Metall verweist auf die Vielzahl an Krisen der vergangenen Jahre. Diese Entwicklungen träfen auch die Industriearbeitsplätze in Dortmund. Umso wichtiger sei es, dass Unternehmen innovativ blieben und weiter investierten.

„Ich bin gespannt, ob wir ihn an seinen Worten messen können, wenn tatsächlich Unterstützung notwendig ist“, mahnt sie mit Blick auf Kaloutis Rede. Deutlich kritisch äußert sie sich zur aktuellen Bundesdebatte um Teilzeit und den Acht-Stunden-Tag.

Gabriele Henter ist Vorsitzende der IG BAU Bochum-Dortmund. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

„Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die diese Vorschläge machen, lange nicht mehr im Betrieb waren“, so Hölter. Die Realität der Beschäftigten werde dadurch verkannt.

Auch Gabriele Henter, Bezirksvorsitzende der IG BAU im Bezirk Bochum-Dortmund, blickt skeptisch auf die aktuellen Vorschläge aus der Bundespolitik. Statt bestehende Rechte wie Teilzeitarbeit, den Acht-Stunden-Tag oder den Kündigungsschutz infrage zu stellen, müsse sich die Politik stärker um bezahlbaren Wohnraum kümmern – ein drängendes Problem auch in Dortmund. Besonders betroffen seien ältere Menschen, aber auch Auszubildende.


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