In Hörde geboren: Der Publizist und katholische Sozialist Walter Dirks (1901-1991)

Zum 125. Geburtstag des Ehrenbürgers der Stadt Dortmund (Teil 1)

Straßenschild Walter-Dirks-Str.
In Dortmund-Hörde in der Bernhard-Hoetger-Siedlung ist eine Straße nach Walter Dirks benannt. Foto: Horst Delkus

Heute, am 8. Januar jährt sich der Geburtstag von Walter Dirks zum 125. Mal. Der Journalist und Publizist erhielt am 29. Januar 1981 den Ehrenring der Stadt Dortmund „wegen seiner besonderen Verdienste um die Stadt Dortmund“, am 20. Juli 1986 die Ehrenbürgerschaft. Die Stadtsparkasse Dortmund unterstützte Ende der 1980er Jahre die Herausgabe seiner achtbändigen „Gesammelten Schriften“ im Schweizer Ammann-Verlag mit einem Druckkostenzuschuss. Walter Dirks starb an 30. Mai 1991 im Alter von 90 Jahren in Wittnau bei Freiburg. Dort lebte er viele Jahre, wurde Ehrenbürger der Gemeinde und befindet sich sein Ehrengrab. Im Mai 2010 schrieb der Politiker und Publizist Peter Glotz (1939-2005): „Walter Dirks ist dabei, so etwas wie ein Christoph Martin Wieland zu werden: Ein hochgeehrter und gelegentlich zitierter Schriftsteller, den aber niemand mehr liest und den kaum jemand kennt“. Mit einem Gastbeitrag von Gabriel Rolfes, eines der besten Kenner von Leben und Werk dieses bedeutenden Intellektuellen der „Bonner Republik“, und einem der letzten Interviews, das der heutige Nordstadtblogger Horst Delkus 1988 mit Walter Dirks führte, erinnern wir in zwei Teilen an ihn.

Walter Dirks zum 125. Geburtstag: Der Störer aus Dortmund

Ein Gastbeitrag von Gabriel Rolfes

Ein Portrait von Walter Dirks aus dem Jahr 1981. Foto: Stadtarchiv Dortmund

Kaum ein anderer katholischer Publizist des 20. Jahrhunderts hat seine Zeitgenossen in Kirche, Politik und Gesellschaft mit seiner intellektuellen Kritik so nachhaltig irritiert wie Walter Dirks. Vielleicht auch deshalb spielt die Erinnerung an ihn heute kaum mehr eine Rolle. Dabei lohnt ein Rückblick gerade in einer Zeit, in der demokratische Standards und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden.

Dirks wurde zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geboren. In eine Epoche, die politisch, gesellschaftlich und religiös von Abgrenzungstendenzen geprägt war. Die katholische Minderheit im Ruhrgebiet, in der er aufwuchs, war stark durch die teils weit zurückliegenden Erfahrungen der Reformationszeit und des Kulturkampfes geprägt. Bereits früh entwickelte er eine Perspektive, die über die Grenzen sozialer und konfessioneller Milieus hinausging. Er eröffnete den Blick für politische Fragen, vor allem für die der sozialen Frage.

Der gebürtige Hörder wird Journalist und verweigert sich dem Nationalsozialismus

Walter Dirks: Gesammelte Schriften, Band 2, „Gegen die faschistische Koalition – Politische Publizistik 1930-1933“, erschienen 1990. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Seine Herkunft aus einer kleinbürgerlichen Familie in der Bergbaustadt Hörde, in unmittelbarer Nähe von Hochöfen und Stahlwerk, prägte ihn. Die sozialen und ökologischen Kosten der modernen Industrie erfuhr er direkt und über Berichte seiner Mutter, die bei Kirche und Stadt als Fürsorgerin beschäftigt war. ___STEADY_PAYWALL___

Nach dem Abitur in Dortmund studierte Dirks Soziologie, Philosophie und Katholische Theologie. Studium und Priesteramtsausbildung brach er jedoch zu Gunsten einer journalistischen Laufbahn ab. Bereits in jungen Jahren wurde er Feuilletonchef bei der republikfreundlichen „Rhein-Mainischen Volkszeitung“.

Während der Zeit des Nationalsozialismus verweigerte er die ideologische Anpassung und erfuhr berufliche Nachteile und staatliche Repression. Besonders eindrücklich war für ihn, wie vermeintlich einfach die deutsche Gesellschaft – und auch die kirchliche Hierarchie – die nationalsozialistische Herrschaft akzeptiert hatte.

Walter Dirks engagiert sich nach dem II. Weltkrieg für eine „andere Republik“

Walter Dirks: „War ich ein linker Spinner?“ – erschienen 1983. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Dirks zu den profiliertesten öffentlichen Stimmen, die in der Bundesrepublik die ausgegebenen Vorhaben politischer Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwungs nicht als alleinige Zielmarken der zweiten deutschen Demokratie akzeptieren wollten. Stattdessen bestand er auf das Projekt einer moralischen Erneuerung.

Als einer der führenden Intellektuellen der „Bonner Republik“ trat er aus der Motivation des christlichen Gewissens in publizistische Opposition zur bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die sich mit Konsum und Kanzlerdemokratie zufriedengab.

Die Adenauer-Ära bewertete er als „Restauration“ und kritisierte sie in der gemeinsam mit Eugen Kogon zu diesem Zweck herausgegebenen politischen Zeitschrift der „Frankfurter Hefte“. Beide entwickelten die Vorstellung eines „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“, welcher Elemente christlicher Ethik mit sozialistischer Gesellschaftsauffassung verband.

Gegen den Strom und den Geist der Zeit

Walter Dirks 1987 Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Foto: Marlis Decker

Walter Dirks war kein Akteur praktischer Politik, sondern ein journalistischer Beobachter und Kommentator. Sein Auftrag war die Arbeit am Zeitgeist. Seine Analysen sorgten für Unbehagen, weil sie Korrekturen in Politik, Bildung, Kirche und Gesellschaft einforderten.

Als Nonkonformist „zwischen allen Stühlen“ blieb Dirks in Parteien und anderen institutionalisierten Machtzentren weitgehend unbeachtet.

In der heutigen post-sozialistischen und säkularisierten Gegenwart mögen seine Positionen fremd wirken. Sie zeigen über das 20. Jahrhundert hinaus: kritische Intelligenz und moralisches Gewissen sind unverzichtbar in Zeiten, in denen demokratische Überzeugungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck geraten. Und zwar unabhängig davon, ob missvergnügte Intellektuelle die Aufgabe dieser Kritik übernehmen oder nicht.

Der Grabstein von Walter und Marianne Dirks auf dem Friedhof in Wittnau bei Freiburg Foto: Matthias Bauer

Gabriel Rolfes (geb. 1989 in Meppen/Emsland) ist Studienleiter für Geschichte und Politik an der Akademie des Bistums Aachen. Seit geraumer Zeit arbeitet er an einer Doktorarbeit zu Walter Dirks.

(Teil 2 – das Interview mit Walter Dirks – erscheint am Sonntag, den 11. Januar 2026)

 


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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