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Klinikum Dortmund befürchtet großen Mangel an Blutspenden – Künstliche Intelligenz gegen Blutkonserven-Verschwendung

Blutspenden können Leben retten – doch es könnte Engpässe geben, die durch logistische Effizienz gemildert werden könnten. Foto (2): Klinikum Do

Doppelte Herausforderung in diesem Jahr Corona- und Grippezeit: Die Blutspende des Klinikums Dortmund befürchtet wegen der Verunsicherung aufgrund von Covid-19 einen großen Mangel. Da sollte mit dem kostbaren Lebenssaft sorgsam umgegangen werden. Da gibt es zu denken, wenn andererseits jeden Tag in in der Bundesrepublik etwa 800 Blutkonserven entsorgt werden müssen, weil sie nicht rechtzeitig verbraucht wurden. Der Bedarf an Transfusionen und vorhandene Vorräte sollten besser zusammen passen. Aus diesem Grund arbeitet die Fachhochschule Dortmund gemeinsam mit dem Uniklinikum Essen an intelligenten Systemen, um die Konserven rechtzeitig dort zu haben, wo sie benötigt werden – sie entwickeln den „AutoPiLoT“.

Mindestens 800 Blutkonserven müssen jeden Tag in der Bundesrepublik entsorgt werden

Jeden Tag müssen in der Bundesrepublik etwa 800 Blutkonserven entsorgt werden, weil sie nicht rechtzeitig verbraucht wurden. Bei den nur wenige Tage haltbaren Thrombozytenkonzentraten liegt die Verlustrate bei über 10 Prozent.

Prof. Dr. Britta Böckmann betreut das Projekt „AutoPiLoT“ am Lehrstuhl medizinische Informatik der FH Dortmund. (Foto: FH Dortmund / Markus Heine)

Gemeinsam mit dem Uniklinikum Essen arbeitet die Fachhochschule Dortmund an von künstlicher Intelligenz (KI-) gestützten Systemen für eine effizientere Blutkonserven-Logistik. ___STEADY_PAYWALL___

Neben dem finanziellen Schaden ist es auch ethisch bedenklich, wenn zu viele Blutspenden von Menschen auf dem Müll landen. „Daten und KI können helfen, die Bedarfe in den Kliniken besser zu prognostizieren, Blutspenden gezielter nachzufragen und Spender*in und Patient*in passgenauer zusammenzubringen“, sagt Prof. Dr. Britta Böckmann.

Sie betreut das auf zweieinhalb Jahre angelegte und vom Bund geförderte Projekt „AutoPiLoT“ am Lehrstuhl medizinische Informatik der FH Dortmund. Partner sind das Institut für Transfusionsmedizin und das Institut für Künstliche Intelligenz (KI) in Essen.

Expert*innen warnen vor möglichen Versorgungsengpässen in schon wenigen Wochen

Klinikum DortmundSzenenwechsel, Klinikum Dortmund: Wie hier stehen in diesem Jahr Mediziner*innen vor einer doppelten Herausforderung: es ist Corona- und Grippezeit in einem – und die Blutspenden der Krankenhäuser und anderer Institutionen befürchten einen großen Mangel in naher Zukunft.

Expert*innen warnen vor einem möglichen Versorgungsengpass in schon wenigen Wochen. „Noch geht es uns einigermaßen gut“, sagt Dr. Anna-Maria Zuliani, Oberärztin im Institut für Transfusionsmedizin des Klinikums Dortmund. „Aber angesichts steigender Fallzahlen und vielen Dortmundern, die sich derzeit in Quarantäne befinden, schauen wir den nächsten Wochen mit gemischten Gefühlen entgegen.“

Traditionell habe man in der kalten Jahreszeit aufgrund von Erkältung und Grippe eh schon einen geringeren Blutbestand als üblich, so Dr. Zuliani. „In diesem Jahr merken wir deutlich, dass die Verunsicherung aufgrund von Covid-19 hinzukommt. Das hatte sich schon zu Beginn des letzten Lockdowns im März gezeigt“, so Dr. Zuliani.

Sorgsamspflicht: Kein erhöhtes Risiko für Spender*innen von Blutkonserven noch für Patient*innen

Zwischen 800 und 1000 Blutkonserven werden täglich entsorgt. Mit Daten und KI-Systemen wollen FH Dortmund und Uniklinikum Essen das ändern. (Foto: pixabay / Sabin Urcelay)

„Es besteht aber weder für Spender*innen noch für Patient*innen ein erhöhtes Risiko.“ Vor jeder Spende gebe es eine ärztliche Untersuchung inklusive Fiebermessen. Ausreichend Abstand zwischen den Liegen, Maskenpflicht und eine begrenzte Personenanzahl sorgen für zusätzliche Sicherheit, so Dr. Zuliani. „Außerdem kann das Virus nach wie vor nicht per Blut übertragen werden.“

Dennoch: Viele Menschen haben schlicht Angst – die Spendenmoral in Sachen des roten Lebenssaftes sinkt. Umso bedeutsamer also, die vorhandenen Blutkonserven optimal zu verteilen. Dafür soll der „AutoPiLoT“ unter anderem historische Daten auswerten und auf diese Weise Vorhersagen treffen können, wann in welchem Krankenhaus wie viele Blutkonserven benötigt werden.

„Mittels KI hoffen wir in diesen Daten Muster erkennen zu können“, sagt Prof. Dr. Britta Böckmann. Zugleich soll eine bessere Zuordnung der Blutspende erfolgen – nicht nur auf Basis von Blutgruppe und Rhesusfaktor. Denn zahlreiche weitere Kriterien, wie etwa Antikörper im Blut, müssen vor einer Transfusion mittels aufwendiger Kreuzproben abgeklärt werden.

Sammlung und intelligente Rekombination von Daten soll Prognosesicherheit erhöhen

Matthias Becker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt und entwickelt eine Blutspende-App, die an „AutoPiLoT“ gekoppelt ist. (Foto: FH Dortmund / Laura Dierig)

Mehr Daten und KI-gestützte Analysen können hier helfen. „Neben der erhöhten Qualität der Transfusion erhalten wir so eine schnellere Entscheidung, was gut für Patient*in und Arbeitskräfte ist“, erklärt Matthias Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts „AutoPiLoT“ an der FH Dortmund.

Schwerpunkte der FH Dortmund bei dem Projekt liegen in der Entwicklung eines digitalen Expertensystems für die schnelle und vor allem leitlinienkonforme Bestellung von Blutkonserven. Damit lassen sich Anfragen effizienter steuern. Zudem entwickeln die FH-Informatiker eine Blutspende-App. So was gibt es bereits, doch die diese App soll mehr können: Neben Spender*innen-Information und digitaler Terminvereinbarung, wird die App an das „AutoPiLoT“-System gekoppelt.

„Wir wollen gezielt dort Spender*innen motivieren, wo die Bedarfe sein werden, und gezielt nach den Bluteigenschaften fragen, die gebraucht werden“, erklärt Prof. Dr. Britta Böckmann. Je besser die gelieferten Blutspenden zur Nachfrage passten, desto weniger Blutkonserven müssten entsorgt werden. Erste Klick-Tests der App laufen bereits.

Bei Erkältungssymptomen besser zuhause bleiben – finanzielle Aufwandsentschädigung für jede Spende

Dennoch sollte jeder, der Erkältungssymptome aufweist, vorsorglich zuhause bleiben – und das nicht nur wegen Covid-19. Der Grund: Personen, die eine Blutspende empfangen, sind durch einen vorausgegangenen Blutverlust (beispielsweise wegen eines Unfalls oder einer Operation) geschwächt.

Erhalten die Betroffenen in diesem Zustand Blut, in dem sich grippale Krankheitserreger befinden, kann dies den Genesungsprozess nicht nur beeinträchtigen, sondern stark gefährden und zu schweren Komplikationen führen. „Um solche Risiken auszuschließen, müssen die Spender vier Wochen warten, bis sie wieder zu uns kommen“, erklärt Dr. Anna-Maria Zuliani.

Insbesondere, weil die im Krankenhausalltag benötigte Blutmenge immer noch die Anzahl der gespendeten Blutkonserven übersteigt, freut sich die Blutspende über alle gesunden Spender*innen, die in die Alexanderstraße kommen. Für jede Vollblutspende wird eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro gewährt.

Weitergehende Informationen:

  • Blutspende in Dortmund: Spenden kann jeder Erwachsene zwischen 18 und circa 68 Jahren, der über 50 kg wiegt. Die Spendezeiten in der BlutspendeDO sind montags und freitags von 8 bis 15 Uhr, dienstags bis donnerstags von 8 bis 19 Uhr sowie samstags von 8 bis 14 Uhr. – Anmeldungen zur Blutspende sind unter Tel. 0231 953 19999 oder unter www.blutspendedo.de möglich.

  • AutoPiLoT steht für Automatisierte leitlinienkonforme Patientenindividuelle Blutproduktezuordnung und smartes Logistikmanagement in der Transfusionsmedizin und ist eine vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Kooperation des Uniklinikum Essen und der Fachhochschule Dortmund. Das Projekt ist bis September 2022 bewilligt. Die Fördersumme des Bundes beträgt 1,8 Millionen Euro. Ziel des Projekts ist unter medizinischen, ethischen und ökonomischen Gesichtspunkten ein effizienter Umgang mit Blutspendeprodukten.

 

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