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Eine „Pflegepause“ in Eugen-Krautscheid-Haus: Zwei Stunden Urlaub vom Alltag mit Demenz für pflegende Angehörige

Am kommenden Freitag findet die nächste „Pflegepause“ im EKH statt. Fotos: Alex Völkel

Am kommenden Freitag findet die nächste „Pflegepause“ für pflegende Angehörige im EKH statt. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Es sieht auf den ersten Blick aus wie ein gewöhnlicher Kaffeeklatsch. Doch normale soziale Kontakte sind bei den Teilnehmenden dieser Runde in den vergangenen Jahren vielfach zum Erliegen gekommen. Der Grund ist eine unheilvolle Erkrankung: Demenz. Einmal im Monat treffen sich im Eugen-Krautscheid-Haus Angehörige zur „Pflegepause“. Es ist eine Atempause von der belastenden Situation. Doch vom Thema Demenz können sie sich nicht lösen. Zumeist drehen sich auch die Gespräche um die lebensverändernde Erkrankung. Der Unterschied: Hier gibt es Menschen, die Verständnis für die Probleme und zumeist ebenfalls leidvolle Erfahrungen gemacht haben.

Verständnis von Gleichgesinnten ist Balsam für die geschundene Seele von pflegenden Angehörigen

„Mir tut das gut, sich auszutauschen. Andere haben auch Probleme – das versteht nicht jeder. Wer das nicht mitgemacht hat, macht sich keine Vorstellungen“, sagt Rita Ermert (alle Gästenamen sind geändert). Selbst die Ratschläge einer Krankenschwester kommen nicht unbedingt gut an: „Es ist anders, wenn man acht Stunden mit Kranken arbeitet oder den ganzen Tag einen Angehörigen pflegt“ sagt sie seufzend. 

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Im Eugen-Krautscheid-Haus am Westpark ist eine AWO-Tagespflege - hier findet auch die Pflegepause statt.

Im Eugen-Krautscheid-Haus am Westpark ist eine AWO-Tagespflege – hier findet auch die Pflegepause statt.

Sechs Jahre weiß sie von der Diagnose Demenz ihres Mannes. „Wenn man zurückdenkt, sind es schon zehn Jahre. Er hat anders gehandelt. In den ersten Jahren war er verbal aggressiv und eifersüchtig ohne Ende.“ Erst nach einem Krankenhaus-Aufenthalt wurde die Diagnose gestellt und ihr Mann mit Tabletten eingestellt. „Er wurde dann ruhiger. Aber er kann nicht mehr alleine sein, hat dann immer Angst. Ich habe Glück, dass meine Tochter fast jeden Tag kommt – mit den Enkelkindern“, berichtet Ermert. 

Denn andere soziale Kontakte als die direkte Familie haben die meisten pflegenden Angehörigen nicht mehr. Und selbst da geht vieles in die Brüche. In der „Pflegepause“ reden sich die Betroffenen ihre Probleme von der Seele, tauschen sich aus, geben und bekommen Tipps. Und sie wissen ihre Angehörigen in guten Händen. Wer will, kann die Tagesbetreuung nebenan in Anspruch nehmen. 

Die „Pflegepause“ bedeutet zwei Stunden Urlaub vom Alltag. Denn an einen richtigen Urlaub wagen die meisten hier nicht mehr zu denken. „Auch im Urlaub mit meiner Frau bin ich alleine. Es gibt keine richtigen Gespräche mehr“, bedauert Karl Meyer. Mit dem am Demenz erkrankten Partner sei kein sinnvolles Gespräch mehr möglich. Und auch andere Gäste im Hotel begegneten einem mit Zurückhaltung, wenn man auf das Thema Demenz zu sprechen käme. „Sie versuchen sogar, zu anderen Zeiten zu kommen, damit sie im Restaurant nicht mit uns gemeinsam essen müssen“, hat Meyer erlebt. 

Wenn die über Jahrzehnte lieb gewonnene Urlaubsreise durch die Demenz zum Horror-Trip wird

Für Demenzerkrankte und ihre pflegenden Angehörigen gibt es mittlerweile zahlreiche Beratungs- und Entlastungsangebote.

Für Demenzerkrankte und pflegenden Angehörigen gibt es zahlreiche Beratungs- und Entlastungsangebote.

Genau wie der Senior fährt auch Rita Ermert nicht mehr mit ihrem Mann in Urlaub:  „Im Hotel wurde er alle zwei Stunden wach, weil er nicht wusste, wo er war. Er kann nur noch schlecht laufen. Ein solcher Urlaub ist für mich zu anstrengend.“

Auch Meyer winkt ab: „Meine Frau findet sich nicht mehr in den Hotels zurecht. Man kann kaum schwimmen gehen, ohne dass sie wegläuft.“ Das Dramatische: „Selbst in der Ferienwohnung, wo wir 30 Jahre Urlaub gemacht haben, ist die Orientierung nicht mehr möglich“, ergänzt Rita Ermert.

Der Horror fängt schon beim Packen an und geht bei der Anreise weiter: Für Maria Klein war der letzte Urlaub auf Föhr ein Graus. Die Parkinson bedingte Inkontinenz ihres Partners führt dazu, dass sie quasi auf jeder Raststätte halten müssen: „Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Drei Male waren wir an einer Raststätte – trotzdem hat er sich eingenässt. Er war völlig von der Rolle. Ich bin im Urlaub nur am Waschen und im Auto am Umziehen. Da graust mich nur noch davor.“ Denn Seniorenwindeln lehnt er ab und zieht sich diese immer aus.

Auf Föhr kam das Paar übrigens nicht an: Auf der Fähre drängte der demente Gatte lautstark zur Rückkehr. Und in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit war er dann verschwunden:  „Ich habe mich nur kurz umgedreht, dann war er weg. Er ist einfach mit anderen mitgegangen“, berichtet sie von den panischen Minuten der Suche. Mitarbeiter der Fähre entdeckten ihn schließlich auf dem unteren Parkdeck der Fähre. „Ihm fehlte das Auto. Er wollte zurück.“ 

Plötzliches Verschwinden des dementen Partners ist leider trauriger Alltag – Sorgenvolle Suche

An jedem ersten Freitag im Monat findet von 9 bis 11 Uhr die  „Pflegepause“ im Eugen-Krautscheid-Haus statt. 

An jedem ersten Freitag im Monat findet von 9 bis 11 Uhr die  „Pflegepause“ im Eugen-Krautscheid-Haus statt.

Das Verschwinden ihres Partners haben hier schon viele erlebt. Im Supermarkt, in der Stadtbahn, im Hotel: „Wir standen nebeneinander und wollten in die Bahn. Doch sie ist draußen stehen geblieben – als ich mich umdrehte, war die Tür schon zu und die Stadtbahn fuhr ab“, berichtet Karl Meyer. „Mir ist das Herz bald stehen geblieben und sie guckte mir nur hinterher.“

Als er an der nächsten Station umsteigen und zurückfahren konnte, traf er seine Frau nicht mehr an. Er schaltete die Polizei ein. „Zum Glück war sie bei der Tochter – sie wohnte nicht weit weg“, atmet er auch Monate nach dem Vorfall tief auf.

Rita Ermert nickt. „Zumindest da ist es ein Glück, dass mein Mann nicht mehr gut zu Fuß ist. Mit dem Rollator kommt er nicht weit. Er läuft mir wenigstens nicht weg.“ Doch dafür sind bei ihr die Nächte nicht auszuhalten: „Schlimm ist die Nachtaktivität. Jede Stunde wird Licht angemacht, Kleingeld gesucht und die Dinge auf dem Nachttisch hin und her geschoben. Ich bin hundemüde und kann nicht mehr“, gesteht die leidgeprüfte Ehefrau.

Ihr Mann leidet unter Parkinson und kann daher selbst die ganz leichte Decke nicht aufnehmen und nicht mehr alleine aufstehen. In den Urlaub will er nicht mehr – selbst wenn es ein betreuter Urlaub mit Tagespflege wäre, der seiner Frau durch die Entlastungsangebote guttun könnte. 

Auszeiten sind wichtig für pflegende Angehörige – Expert*innen informieren über Entlastungsangebote

Wenn es schon nicht mit einem richtigen Urlaub klappt, gehen die Angehörigen zumindest ein Mal im Monat zur Pflegepause. „Das ist mir ganz wichtig. Ich gehe zum Angehörigentreffen – ich brauche die Auszeit“, sagt Maria Klein.

Kerstin Jung ist bei der AWO zuständig für die Tagespflege-Angebote.

Kerstin Jung ist bei der AWO Dortmund unter anderem zuständig für die Tagespflege-Angebote.

„Es ist schwer für beide Seiten. Daher ist es wichtig, dass sie sich die Auszeit nehmen. Wenn sie ausfallen, fällt die ganze Pflege wie ein Kartenhaus zusammen“, rät Kerstin Jung, bei der AWO zuständig für die Tagespflege-Angebote. Daher zeigt sie den Gästen der Pflegeauszeit unterschiedliche Hilfs- und Freizeitangebote sowie individuelle Pflegeoptionen auf.

Denn die Partner sind durch die Demenz-Erkrankung oft überfordert. Häufig müssen die Männer nach der Erkrankung der Frau sich erstmals um den Haushalt kümmern. Und das alles dann zusätzlich zur belastenden Pflege und Betreuung rund um die Uhr. 

Die Betroffenen hätten sich als Eltern und Großeltern aufgeopfert. Doch in der Notlage komme es häufig zu massiven Enttäuschungen: „Auf unsere Kinder können wir uns nicht verlassen“, bedauert Karl Meyer. „Wir haben die Enkel zehn Jahre betreut. Doch wenn ich jetzt mal eine Aufsicht für meine Frau brauche, damit ich das Haus putzen und den Garten machen kann, winken sie ab.“ 

„Ich mache das alles alleine, während ich immer sehen muss, ob die Partnerin noch da ist“ beschreibt Meyer die Herausforderung. „Da kannste verrückt werden. Ich suche daher für sie eine Demenz-WG.“ Bei der Suche kann Kerstin Jung helfen – und auch kurzzeitig Abhilfe anbieten. Zum Beispiel, indem Meyers Frau statt bis 16 Uhr bis 19 Uhr in der Tagespflege bleibt – auch am Wochenende, wenn Haushalt und Garten gemacht werden müssen. Dann hätte er nach der Arbeit zumindest noch einige Stunden für sich selbst zur Erholung. „Nehmen Sie das Angebot an. Es kostet Sie ja nichts extra. Es nutzt doch niemanden, wenn sie krank werden“, rät die Expertin. Da können ihr die anderen Angehörigen nur zustimmen.

Weitere Informationen zum Frühstückstreff

  • Die Mitarbeiter*innen der AWO Tagespflege und des Seniorenbüros Innenstadt-West laden jeden 1. Freitag im Monat von 9 bis 11 Uhr im Eugen-Krautscheid-Haus, Lange Str. 42, 44137 Dortmund zum Frühstückstreff ein, um Fragen loszuwerden und Tipps auszutauschen.
  • Die nächsten Termine: 2. August, 6. September, 4. Oktober, 8. November und 6. Dezember
  • Demenzkranke können während dieses Treffens in der Betreuungsgruppe des Eugen-Krautscheid-Hauses in einer gemütlichen Runde frühstücken, gesellig Beisammensein und werden in dieser Zeit betreut.
  • So können pflegende Angehörige sich frei und ohne Sorge um ihre Angehörigen für diese Zeit auf sich selbst besinnen und im gegenseitigen Austausch Kraft und Rat holen. Der Gesprächskreis ist jederzeit offen für neue Gäste.
  • Das Angebot wird immer von einer Fachkraft begleitet, die Kosten betragen ca. drei Euro.
  • Anmeldung und weitere Information: Kerstin Jung (AWO), Telefon: 0231.39572-18

 

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3 Gedanken über “Eine „Pflegepause“ in Eugen-Krautscheid-Haus: Zwei Stunden Urlaub vom Alltag mit Demenz für pflegende Angehörige

  1. ursula maria wartmann

    ein einfühlsamer und gleichzeitig sehr sachlicher bericht über ein thema, das vielen menschen auf den nägeln brennt. der text informiert und weckt verständnis, auch mitgefühl, und bewegt sich in genau dem rahmen, den wir von den nordstadtbloggern kennen: es ist guter, sauber recherchierter und fairer journalismus, der kein heißes eisen scheut und nie nur an der oberfläche bleibt. was für ein ein glück für dortmund!

  2. Barbara Granseuer

    Frau Wartmann spricht mir aus der Seele mit dem Lob und der Rückmeldung zum Artikel „Eine Pflegepause“. Ich hätte es nicht besser formulieren können.
    Viele Angehörige berichten oft von dem Unverständnis aus ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis über die Pflegesituation zu Huase – gerade bei dementiell erkrankten Menschen. Hier Gleichgesinnte zu finden und darauf aufmerksam zu machen, dass es solche Kreise in Dortmund gibt, halte ich für wichtig und eine gute Hilfestellung für Angehörige als Entlastung.
    Von daher auch von mir großes Lob für den Artikel. Ich hoffe, viele Angehörige lesen ihn.
    Viele Grüße
    Barbara Granseuer
    (Altenpflegerin)

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