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DOCKS Collective encounters – eine neue faszinierende Fotografie-Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund

Künstlerhaus Dortmund – DOCKS Collective encounters, die ausstellenden Fotografen: Fabian Ritter, Maximilian Mann, Arne Piepke und Ingmar Björn Nolting. Fotos: Gerd Wüsthoff

Von Gerd Wüsthoff

Das Künstlerhaus öffnete seine Pforten für einen exklusiven Presserundgang, der ungestörte Gespräche mit den Fotokünstlern erlaubte und Einblicke in ihre Arbeitsweisen vorab ermöglichte. Ihre zeitgenössischen Ansätze zur Dokumentarfotografie mit humanistischen Werten sind beeindruckend. Eine sehenswerte Ausstellung, die zufällig mit der Nachricht über den jüngsten Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zusammenfällt, den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Und ehrlich, wir Menschen sind nun mal Augentiere …

Maximilian Mann und seine „Fading Flamingos“ in Persien am Lake Urmia

Künstlerhaus Dortmund – DOCKS Collective encounters Maximilian Mann

Die Fotografien von Mann zeigen und dokumentieren ein erschreckendes Bild von einem Naturwunder in Persien / Iran, dem Lake Urmia, dass dem Untergang geweiht zu sein scheint. Mann tituliert seine Arbeit „Fading Flamingos“ und stellt den Raubbau an einem der größten Salzseen der Erde in seinen Bildern dar. Die Zuflüsse zum Salzsee werden, wie beim Jordan im Nahen Osten, hemmungslos ausgebeutet, um die lebensnotwendige Landwirtschaft zu bewässern.

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Durch den Süßwasserentzug sinkt der Seespiegel, wobei der See austrocknet wie der Aral-See und `übersalzt´. Zudem weht der Wind das Salz auf die Felder und versalzt die Böden der Landwirtschaft. Sie ist die Basis für die dort lebenden Bauern, „die durch eine überraschende ethnische Vielfalt und eine gemeinsame Kultur auffallen“, erklärt Mann.

„Es ist aber nicht nur die Natur mit ihrer Fauna und Flora, die für alle sichtbar zerstört wird, sondern auch die Menschen leiden zunehmend unter den Folgen der Umweltzerstörung“, sagt Mann mit Bitterkeit. „Diese explizierte Umweltkatastrophe ist ein Beispiel für den Umgang mit den Ressourcen menschlichen Lebens und Überlebens.“ Es gibt aber Lichtblicke, die ersten BewohnerInnen der Region versuchen mit neuen Anbaumethoden und Früchten, die mit wenig Wasser auskommen, eine neue Existenz aufzubauen.

Arne Piepke schafft mit „Glaube, Sitte, Heimat“ ein faszinierendes Portrait deutscher Traditionen

Künstlerhaus Dortmund – DOCKS Collective encounters Arne Piepke © – Glaube, Liebe, Heimat

Die Schützenvereine und Bruderschaften haben ihren Ursprung in der mittelalterlichen Zivilverteidigung. Ihre `Nationalisierung´ erfuhren sie in den napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ihr Motto `Für Glaube, Sitte und Heimat´ ziert noch heute die Vereinsflaggen. „Für mich, der auf dem Land aufgewachsen ist, war es kein Problem. Erst als ich zum Studium nach Dortmund kam, begann ich dass Vereinswesen differenzierter zu betrachten“, sagt Piepke.

„Allen gemein ist die Aussage, dass sie diese Schützenvereine für die Gemeinschaft auf dem Land pflegen“, erklärt Piepke. „Für einige ist der Festzyklus eine unverrückbare alte Tradition, wobei sich andere wiederum für neuere Formen öffnen“, antwortet Piepke auf die Frage, ob die Tradition nicht eigentlich eine verklärte Illusion ist. Schützenfeste, meist einmal jährlich dreitätige Veranstaltungen, sind die augenfälligsten Erscheinungen des im Ausland belächelten deutschen Vereinswesens.

Hier werden nach strikten Regeln die Schützenkönige gekürt, wobei Frauen nur als Königinnen als Begleitung des jährlichen Schützenkönigs geduldet werden. Weitaus harscher sind die Regeln hingegen in den Burschenschaften, die sich als reine Männerbünde jedem Emanzipationsbestreben widersetzen. „Beiden gemein ist die theaterähnliche Inszenierung ihrer Veranstaltungen“, erklärt Piepke, der über seine vierjährige Arbeit ein Buch zusammengestellt hat.

Ingmar Björn Nolting blickt einfühlsam hinter die Fassaden eines Hochhauses

Künstlerhaus Dortmund – DOCKS Collective encounters-  Iduna Zentrum Bewohner

Mit `Hinter Fassaden´, exemplarisch am Hochhaus `Iduna Zentrum´ in Göttingen, wo sich Armut, Einsamkeit und Ausgrenzung mitten in Deutschland  im einstigen Traum der 1970er-Jahre verbergen, zeigt Nolting das Scheitern eines utopischen Traumes. „Das Hochhaus, damals mit allem zeitgemäßen Luxus ausgestattet beherbergte einst Mitglieder der oberen Mittelschicht und degenerierte über die Jahre zum heruntergekommenen Betonblock und `sozialen Brennpunkt´“, erklärt Nolting, der selber für seine Arbeit für vier Monate im Haus gelebt hatte.

Nolting porträtiert die BewohnerInnen nicht plakativ oder voyeuristisch, sondern mit Feingefühl und Einfühlsamkeit und lässt den ihnen ihre Würde. Was das letzte ist, was Mitmenschen, die Hartz IV beziehen oder beziehen müssen noch geblieben ist, aber in unserer Turbo-Kapitalismus Gesellschaft als `spätrömische Dekadenz´ mit Missachtung und Respektlosigkeit (abge-)beurteilt wird. Nolting hat sich für seine Foto-Arbeit über Monate hinweg Zugang zu den HausbewohnerInnen verschafft, Vertrauen aufgebaut und recherchiert.

Die Bilder von Nolting, Gewinner des emerge Visual Journalism Grant 2018, erzählen vom Alltag und der Gefühlswelt der BewohnerInnen. „Mit meinem Projekt möchte ich die Öffentlichkeit für die Geschichten der Menschen vor Ort sensibilisieren, diejenigen, die aus dem Blickfeld verschwunden sind und es schwer haben in gesellschaftlichen Debatten wahrgenommen zu werden“, sagt Nolting. Seine Reportage erzeugte Resonanz – der Gruner + Jahr Verlag platzierte die Arbeit im letzten Monat im Stern.

Fabian Ritter zeigt mit „incendio – horizone de calorden“ den größten Waldbrand Europas der letzten Jahre

Ritter nähert sich in abstrakter und dokumentarischer Fotografie den Menschen in einem zerstörten Lebensraum. Der Wald von Perna de Negra, Monichque, Portugal ging 2018 in Flammen auf. Das Feuer zerstörte rund 27.000 Hektar Wald, zerstörte Dörfer, Häuser und Höfe und vernichtete Lebensgrundlagen.

Künstlerhaus Dortmund – DOCKS Collective encounters – Monichque

„Die Katastrophe hat ihre Ursache in der Aufforstung mit Eukalyptus-Bäumen, der Trockenheit, in Folge der Klimaerwärmung und den daraus resultierenden höheren Temperaturen“, sagt Ritter. Aus den Nachrichten wissen wir, dass die dortigen Temperaturen bei 45° Celsius lagen. „Ursache des Feuers war eine defekte Überland-Stromleitung“, erklärt Ritter.

Ritter reiste mehrfach in das betroffene Gebiet von Monichque, in dem er schon während des Brandes war. Der Fotograf dokumentierte die betroffenen BewohnerInnen, einfühlsam, dokumentarisch begleitend ohne Voyeurismus und erschuf beeindruckende Portraits der Menschen, die sich der Katastrophe nicht ergaben, sondern sie gemeinsam zu meistern begonnen haben. Dabei geraten die Fotos zu imposanten `Vorher und Jetzt´ Aufnahmen, die teilweise panoramahaft die geschundene Landschaft zeigen aber auch surreal anmutende Details der Zerstörungen.

Mit DOCKS haben Mann, Piepke, Nolting und Ritter, ein Kollektiv geschaffen, das für vielfältige und zeitgenössische Ansätze zur Dokumentarfotografie mit humanistischen Werten steht. Das Kollektiv gründete sich im Mai 2018, als es eine Zeitung mit Arbeiten der letzten zwei Jahre veröffentlichte. Im Künstlerhaus zeigen die Fotografen ihre aktuellen Langzeitprojekte.

Weitere Informationen:

  • Ort: Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund
  • Eröffnung:  am Freitag den 21. Juni 2019 um 20 Uhr
  • Laufzeit: 22.06.–14.07.2019
  • Öffnungszeiten der Ausstellung: Donnerstags bis Sonntags, immer von 16 bis 19 Uhr – Bei Interesse an Führungen für Gruppen oder Schulklassen wenden Sie sich bitte ans Büro.
    Künstlergespräch und Führungen: 23.06.2019 um 15Uhr
  • Finissage: 14.07.2019 um 18Uhr
  • Telefonischer Kontakt: +49 (0)231 82 03 04, oder via Fax +49 (0)231 82 68 47
  • Webseite: Künstlerhaus Dortmund
  • Eintritt: frei
  • Öffentliche Verkehrsmittel: Bus 453, 460 und 475 zur Haltestelle Treibstrasse, Fußweg vom HBF Nordausgang, 15 bis 20 Minuten, Fußweg vom Dortmunder U, 15 Minuten

 

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